Härrlich, ein wunderschöner Morgen und an die 900 Kilometer Piste vor der Nase. Was kann es schöneres geben?
Well, ich hätte mir schon gewünscht, dass ich heute eine leichtere Etappe hätte, aber was soll's. Hilft ja nix. Und nach Port Elizabeth muss ich nu mal, hab ja schon das Ticket, und natürlich will ich mir das Spiel umme Ehre gegen die Urus auch nicht entgehen lassen. Wenngleich ich nicht gerade sagen kann, dass ich besonders darauf gefreut hätte. Zu tief saß noch die Enttäuschung über das verlorene Halbfinale. Aber okay, die Pflicht ruft. Nach einem kurzen Frühstück in meiner 4-Sterne-Lodge ging's ab auffe Piste, etwas faul und lustlos noch, aber das würde sich bald ändern...
Und das Mopped macht seit dem Service in Pinetown auch wieder so richtig Spaß. Kein Vergleich zum Gequäle in Sambia und Simbabwe. Sie läuft wieder wie ein Uhrwerk, brumm, brumm, brumm.
Well, zuerst ging's mal in Richtung Kokstad, knapp 140 Kilometer. Es ist ein bisschen hügelig, aber alles in allem kein Problem, die Strecke ist gut, also bin ich püntklich zum zweiten Frühstück dort.
Danach geht's weiter über die N2 in Richtung East London, über Tsolo, Sibangweni, Nogwala, Embabhelini und Butterworth. Knapp 400 Kilometer, schon 'ne Menge. Und ich werde unterwegs auch ordentlich müde. Well, irgendwann, ein paar Kilometer vor East London, muss ich dann eine Pause machen und haue mich einfach am Straßenrand hin. Ich muss ein paar Minuten die Augen zu machen, fühl mich totmüde. Ei, ei, ei. Muss mal schön aufpassen, dass ich nicht auf dem Mopped einpenne. In Port Shepstone hatte ich noch ziemlich komische Warnungen bzgl. dieser Route bekommen. Offenbar wird die N2 zwischen Kokstad und East London als gefährlich betrachtet, das Gebiet ist ein ehemaliges Homeland (so eine Art schwarzes Ghetto-Land zu Zeiten der Apartheid, in dem die Schwarzen mehr oder minder beliebig "abgeschoben" werden konnten), Transkei. Das habe ich später erst recherchiert. Dachte erst, die Straßen hier wären schlecht, aber das war's wohl nicht. Die sind zwar nicht so supertoll wie auf den Highways, aber immer noch absolut okay. Na ja, die Orte, durch die ich gekommen bin, waren so ziemlich 100% schwarz, aber besonders gefährlich schien's mir dort nicht zu sein... Keine Ahnung, ich hielt die Augen offen, aber es gab nix aussergewöhnliches zu sehen...
Nach East London ging's weiter über King Williams Town und Grahamstown in Richtung Port Elizabeth. Well, auf der Strecke habe ich mal wieder etwas Gas gegeben. Einen Polizei-Checkpoint, der mich offenbar anhalten wollte, habe ich dann mal eben "übersehen". Ich hatte es eilig und war auch etwas müde. Also kein Interesse an längeren Aufenthalten/Diskussionen mit irgendwelchen Ordnungshütern.
Na jut, kurz vor sechs war ich dann vor Port Elizabeth, hab noch mal einen Stopp gemacht und mir dann überlegt, wie ich jetzt vorgehe. Das Spiel würde in zweieinhalb Stunden beginnen. Bis dahin sollte ich mir mal eine Bleibe gesucht haben. Ich dachte mir, dass es ausserhalb der Stadt wohl am erfolgsversprechendsten sein würde und nahm mir vor, kurz vor P.E. eine Ausfahrt zu nehmen und mir eine B&B zu suchen.
Hmm, aber dazu kam's nicht. Ich bin irgendwie eher aus Transusigkeit immer weiter gefahren in die Stadt, bis ich schließlich schon das Stadion gesehen hatte. Na ja, und wo ich schon mal da war. Da bin ich auch gleich direkt bis zum Stadion gefahren, bis es nicht mehr weiter ging.
Die Ordnugnskräfte, die mich dann angehalten haben, habe ich gleich mal gefragt, ob sie mir was empfehlen könnten zwecks Unterkunft. Vielleicht hab' ich ja Glück und sie kennen was direkt in der Nähe... Die Bullizisten waren super freundlich, einer von ihnen war sogar selbst Biker, und super hilfsbereit. Ich wollte eigentlich nur einen Tipp oder so, aber ich brauchte mich danach um nix mehr selbst zu kümmern. Während ich da rum stand kam ich noch mit ein paar deutschen Schlachtenbummlern in's Gespräch. Es ist immer wieder witzig zu beobachten, die Reaktionen, wenn ich erzähle, dass ich mal eben mit dem Bike aus Deutschland angereist bin...
Nach einer Weile kam Felicia, eine Polizistin in den 50ern, angefahren. Sie besaß ein B&B in der Stadt, welches leider schon voll war. Aber sie bot mir an, mich bei ihrer Schwester und ihrer Familie, die direkt neben dem B&B wohnen, einzuquartieren. Äh, na ja, okay, klar. Das nette Angebot konnte ich jetzt ja auch schlecht ausschlagen. Also habe ich mich an ihre Fersen geheftet und sie ist mit einem ziemlich kranken Speed vor mir her gerast. Hatte einige Schwierigkeiten, ihr zu folgen, zumal es schon dunkel war. Und es zooog sich auch, wir sind nochmal ca. 20 Kilometer in irgendeine Richtung außerhalb der Stadt gefahren. Na ja, wäre lieber zentraler geblieben. Aber okay, ich hab da jetzt mein Schicksal komplett in ihre Hände gelegt.
Und ich hab's ja nicht bereut. Das Haus ihrer Schwester und auch die ganze Family waren super nett. Sie sprechen diese komische Afrikaans-Sprache, sind also Weiße, wahrscheinlich Buren oder so... Eine ganze Menge Haustiere liefen da rum. Dann bekam ich mein Zimmer, wie im Hotel, alles bestens. Super, na ja, und das beste überhaupt war ja mal, dass ich nun auch noch ein privates Taxi für die Strecke Bettchen - Stadion - Bettchen hatte. Felicia nahm mich wieder mit in die Stadt zum Stadion und versprach mir, mich nach dem Spiel wieder abzuholen. Bestens!
Well, irgendwie war ich heute deutlich entspannter, als es zum Fußball ging, als noch am Mittwoch. Es ging einfach um (fast) nix mehr. Das Spiel um Platz 3, sinnloser geht's nicht mehr, eigentlich. Auf der anderen Seite entscheidet sich heute, ob es eine coole WM für Deutschland war oder eine nicht so coole. Im Prinzip gibt's für Deutschland wenig zu gewinnen. Jeder erwartet ja praktisch, das Uruguay verliert. Wenn die Deutschen heute Scheiße bauen, sind sie vielleicht sogar die Deppen schlechthin und vermasseln einiges vom während des Turniers aufgebauten Respekt. Na ja, als ich dann den Rasen vor mir sah, stieg der Adrenalinpegel dann doch noch ganz ordentlich und ich begann mich auf's Spiel zu freuen.
Auf'm Klo im Stadion habe ich dann meine "Fan-Montur" angelegt und mich ordentlich in Stimmung gebracht und durch ein paar ordentliche Ur-Schreie hoch gepusht. Na ja, dann konnte ich ja mal Platz nehmen.
Neben mir saß ein kleines süßes (schwarzes) Mädchen mit einer überdimensionalen Tröte in der Hand. Das schien ihr richtig Spaß zu machen; ich glaub nicht, dass sie viel vom Spiel mitbekommen bzw. es verstanden hat. War aber trotzdem schön, außer dass mir nach einer Weile die Ohren weh taten.
Well, dann ging's los. Nationalhymnen, also schön aufstehen. Wie ich später den Fernsehbildern entnommen habe, hat "Helmut" Cacau, der alte urdeutsche Sauhund, als einer der wenigen deutschen Naitionalspieler fein die Hymne mit gesunden. Junge, Junge, das fand ich staark. Respekt, mein Alter!
Also das Spiel würde ich mal euphemistisch als "unterhaltsam" bezeichnen. Ich fand's ehrlich gesagt nicht so berauschend, was die Deutschen da zusammen gekickt haben. Hat mich eher an das Spanien-Spiel erinnert. Zuviele Fehlpässe. Dann immer die Versuche, über außen zu kommen, auch wenn innen kein Schwein zur Verteidigung stand. Oh Mann, das war irgendwie nicht das Gelbe vom Ei. Dazu noch ein schwacher Schiri, wie ich fand. Ich mein, das hier ist Deutschland-Uruguay, kein Kindergeburtstag. Zwei deutsche Verteidiger (Aogo und Boateng?) haben nach knapp zehn Minuten schon Gelb gesehen. Und ich frag mich: was geht'n hier ab?
Aber dann läuft ja doch alles, wie es "laufen muss". Olles Müllerchen macht sein Tor und es steht 1:0. Ole, ole! Na ja, wenn die Deutschen den Urus die Hütte vollballern, dann wird's ja wirklich noch ein richtig versöhnlicher Abschluss dieser WM! Aber ganz so läuft's dann doch nicht. Die Urus gleichen durch Cavani aus, ziemlich verdient, wie ich finde. Ehrlich gesagt würde ich als Neutraler hier heute eher die Urus, den Underdog, unterstützen. Aber das kommt den Afrikanern natürlich nicht in die Tüte. Sie mögen die Urus nach dem Viertelfinal-Aus Ghanas nicht mehr besonders. Und ganz speziell nicht Suarez, dessen "Hand Gottes" Ghanas sicheres Tor in der Verlängerung verhinderte. Na ja, und der arme Kerl wird folglich auch bei jeder Ballberührung ausgepfiffen und ausgebuht. Finde ich ein bisschen peinlich und auch unsportlich. Keine Ahnung, ich find's einfach schwach, wenn 40000 Leute in 'nem Stadion versuchen, eine Person "fertig zu machen". Aber der gute Junge ließ sich davon offenbar nicht beeindrucken und bereitete soweit ich das gesehen hatte sogar Cavanis Ausgleichstor vor...
Blöd bzw. schade fand ich's, dass doch eine ganze Menge Sitze im Stadion leer waren. Vielleicht war's gar nicht ausverkauft. Wahrscheinlicher isses aber doch, dass diese sogenannten Sponsoren-Packages nicht in Anspruch genommen wurden. Ich mein, der normale Fan zahlt z.T. richtig deftige Eintrittspreise und diese Company-Tickets verfallen einfach, weil die Inhaber keinen Bock oder was weiß ich haben... Aber das gehört ja leider mittlerweile auch zum Fußball dazu... Interessant finde ich auch diese schwachsinnige Regelung der Fifa mit der Nachspielzeit. Seit ein paar Jahren wird diese ja immer offiziell nach dem Ende der 45 bzw. 90 Minuten bekannt gegeben. Ist euch schon mal aufgefallen, dass in 99% der Fälle in der ersten Halbzeit eine und in der zweiten Halbzeit drei Minuten nachgespielt wird? Egal, was da passiert oder nicht passiert ist? Also entweder sagt man, man will eine bestimmte Netto-Spielzeit erreichen (ne halbe Stunde wäre doch schon mal ganz ordentlich) oder man lässt es gleich mit diesem Blödsinn. Dann kann wieder der Schiri entscheiden, wie er lustig ist.
Die zweite Halbzeit verfolge ich dann nicht mehr neben der sich ordentlich in Fahrt trötenden kleinen Schwarzen, sondern ging eine Etage runter näher an's Spielfeld direkt neben die Video-Leinwand. Na ja, und es war abwechslungsreich. Drei Tore sollte es noch geben. Ein geiles Volley-Tor durch Forlan, den viel umjubelten Ausgleich durch Jansen und dann das Siegtor durch Khedira. Also alles schick. Ich fand die Urus am Ende sogar stärker und hätte ihnen im Prinzip auch den Sieg gegönnt, aber es war schon in Ordnung so. Noch eine Niederlage wäre für meine eigene Moral einfach nicht vorteilhaft gewesen ;-)
Yep, so konnte ich mich - gut unterhalten - an der "Bronzemedaille" (was für ein bescheuerter Ausdruck in diesem Zusammenhang) erfreuen. Hat doch auch Spaß gemacht, gel? Und morgen wird dann das "richtige" Finale im Fernsehen geguckt.
Felicia wartete schon auf mich vor dem Stadion und so ging's g'schwind zurück zu meiner heutigen Unterkunft. Feine Sache!
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)

























Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen