Freitag, 7. Mai 2010

Tag 39 - Ouaga nach Niamey

Bonjour, liebes Tagebuch.

Gestern Abend bin ich in Niamey angekommen, Hauptstadt von Niger, Land #10. Puh. Die Straßen waren größtenteils super, und ich bin die 380 Kilometer von Ouaga zur Grenze und danach die 120 Kilometer vonner Grenze nach Niamey ganz gut voran gekommen.

War auch gut, wieder 'on the road' zu sein. Immer, wenn ich ein paar Tage irgendwo abhänge, komme ich irgendwie schlecht drauf. Zuletzt hat es mich im OK Inn auch mächtig genervt. Obwohl das Hotel eigentlich ganz nett ist bzw. nett sein könnte, sind mir die Angestellten dort ganz schön auf die Nerven gegangen. Im Restaurant, wo ich mit meinem Schleppi ganz schön viel Zeit verbracht habe, war's teilweise eine Riesen-Herausforderung, irgendwas zu bestellen. Es gab sowieso nicht viele Sachen, die ich als Veggie bestellen konnte. Die paar Sachen haben sie dann aber auch noch ordentlich durcheinander gebracht oder gleich total vergessen. Ach, keine Ahnung, hat mich irgendwie gestresst. Außerdem waren die Preise - im Vergleich zum Landesstandard - einfach mal pervers. Ich habe gestern die Rechnung gesehen und ganz schön geschluckt. Inklusive des Zimmers beliefen sich die Restaurantrechnungen auf insgesamt 80 Ois pro Tag. Na ja, wenn ich mich jeden Tag besoffen hätte, wäre das vielleicht noch akzeptabel gewesen, aber meine 'Diät' besteht ja bekanntermaßen aus Kaffee, Cola, Kippen und hin und wieder mal eine Mahlzeit.

Yep, yep. Der Typ, der mir ständig geholfen hatte an meinem Mopped, ist dann vorgestern Abend auch nochmal angekommen und hat mich gefragt, ob ich ihm nicht 'etwas geben' könnte. Well, er hatte mir ja auch geholfen, also habe ich ihm ein paar Scheine in die Hand gedrückt. Wenngleich die Hilfe vorgestern in erster Linie darin bestand, 'proaktiv' und reichlich sinnfrei Teile abzuschrauben, die ich danach wieder anschrauben konnte. Arghh. Die Geister, die ich nicht (!) rief, werd' ich nun nicht los... War echt Zeit, aufzubrechen gestern. Über das Angebot meines Motorradspezis und seines Kumpels, mich mit ihren Rollern aus der Stadt hinaus zu begleiten und mir den Weg Richtung Osten zur Niger-Grenze zu zeigen, habe ich mich zunächt gewundert, da der Weg jetzt ja nicht sooo schwierig war, bin dann aber doch darauf eingegangen. Schließlich habe ich schon ein paar Mal einige Zeit verloren bei dem Versuch, mich aus einer afrikanischen Großstadt rauszubewegen und meinen Weg zu finden. Nach ein paar Minuten war's dann aber mehr als klar, wo es langgehen würde, die Ausschilderung war ausnahmsweise mal sehr in Ordnung. Trotzdem wollten die beiden unbedingt weiter mit mir fahren. Nach einer Weile wusste ich dann auch warum. Sie hielten an einer Tanke und signalisierten mir, dass ich dies auch tun solle. Danach versuchten sie mir zu erklären, dass der Kumpel von meinem Spezi irgendwas brauchte. Wahrscheinlich erwarteten sie, dass ich dem Kumpel die Tankfüllung bezahle. Bäh. Irgendwie hat's mir gereicht und ich fand's nicht mehr lustig. Ich war einfach nur genervt von dieser ständigen Abzieherei. Ich hab natürlich nix bezahlt, fand's aber schon unverschämt genug, dass ich dort auf der Tanke 5 Minuten mit den beiden Freaks diskutieren musste. Schließlich war ich spät dran und wollte nach Niamey.

Die Dinge, von denen ich am meisten genervt sind, sind ganz klar: Erstens, das Hinterhergepfeife. zisch zisch, damit ich auf irgendeinen Idioten aufmerksam werde. Es ist ja nicht so, dass ich zu wenige Dinge hätte, auf die ich achten müsste. Diese Pfeiferei geht mir dermaßen auf die Eier, dass ich - wenn ich's mal höre - am liebsten absteigen und dem Absender der Zischerei eine in die Kauleiste donnern würde. Platz zwei auf meiner Hass-Liste sind dann die vielen Helfer, die die Welt nicht braucht. Ich kannte das Phänomen ja schon aus Ghana, aber es ist manchmal auch extrem schwer zu unterscheiden, wer einfach nur quatschen will und im Prinzip ganz nett ist und wer mir einen 'Service' anbieten möchte, der - auch wenn man darüber nicht spricht - de facto kostenpflichtig ist. Sie machen es einerseits fast unmöglich, auf den Service zu verzichten, weil es einer Menge Überredungsarbeit bedarf, sie davon abzuhalten, einem zu 'helfen'. Hat man sich dann aber bei irgendetwas tatsächlich 'helfen' lassen, ist die Diskutiererei noch viel schlimmer, wenn es darum geht, dass dieser Service ja zu entlohnen sei und die Welt ist ja sowieso sehr grausam, und wir haben nix zu essen und bla bla bla. Ja, leckt's mi doch am Oarsch, verdammt nochmal!

Dabei hatte ich im OK Inn in Ouaga eigentlich vermutet, andere Traveller zu treffen, mit denen ich mich über die nächsten Etappen ein bissel austauschen könnte. Die waren allerdings nicht zu sehen, stattdessen gab's 'ne ganze Reihe von (einheimischen?) Franzosen und so, aber mit Sicherheit keine Overlander. Insgesamt also definitiv kein Tipp, den ich weiter empfehlen kann, diese Bleibe in Ouaga. Zumal es in der Innenstadt (meine Butze war ziemlich gut versteckt etwas ausserhalb auf oder neben dem Gelände des Flughafens) eine ganze Reihe annehmbarer Hotels zu geben schien...

Das ist so eine ganz eigenartige Mischung gewesen von den Gefühlen im OK Inn. Auf der einen Seite habe ich mich etwas allein gefühlt und hae oft vor dem Rechner im Restaurant oder in meiner Butze rumgehangen. Auf der anderen Seite waren die Kontakte, die ich hatte, nervig und anstrengend. Bäh, auf jeden Fall hatte ich spätestens seit vorgestern richtig üble Laune und es war höchste Zeit, dass ich gestern endlich aufgebrochen bin.

Bin mal wieder erst nach zwölf los gekommen, danach meine beiden 'Kumpels' absschütteln, weiter Richtung Koupéla. Die Straße war wie gesagt super, und es ging flott voran. Weiter nach Fada-N'gourma nach Kantchari zur Grenze. In Fada-N'gourma mache ich noch einen kurzen Stop zum Futterfassen und bekomme für den halben Preis, den ein kümmerlicher Tomatensalat im OK Inn gekostet hat, ein komplettes Menü inklusive Getränke. Mehr als ich essen konnte, und es war - ganz im Gegensatz zur Kost im OK Inn - mal wieder richtig lecker.

Zwischen Kantchari auf der Burkiner und Torodi auf der Niger-Seite erstrecken sich die Grenzanlagen. Es funktioniert auf der Burkiner Seite ohne Probleme. Auch in Niger klappt's zunächst alles bestens, bis ich beim Zoll ankomme. Irgendwie können die mit so einem großen Motorrad nix anfangen. Der Chef ist gerade beim Abendgebet und die Tussi, mit der ich es zu tun habe, macht einen auf extrem gechillt und will warten, bis der Chef wieder kommt. Sie erkennt eine gewisse innere Unruhe bei mir. Ich schlage vor, dass ich einfach die 4000 Franc bezahle und dann weiterfahre. Wahrscheinlich denkt sie, dass sie mir einen Gefallen tut, in dem sie mich zur Geduld mahnt. Vielleicht könnte ich ja die 4000 Franc sparen, gel? Sind ja schließlich 7 Euro nochwas. Währenddessen beobachte ich, wie sich der Himmel zu einem schönen Sturm zusammen zieht und die Sonne am Horizont verschwindet. Schöne Scheiße. Das sieht dann mal wieder nach einer Nachtfahrt aus, oder? Ich drücke ein bisschen auf's Gas und meine, dass es nachts ziemlich gefährlich ist mit dem Motorrad auf der Straße. Das können die Kollegen vom Zoll nicht verstehen und weisen mich darauf hin, dass die Straßen in Niger sehr sicher seien (auch nachts). Ah ja, okay, lassen wir das... Am Ende bekomme ich zwar eine Cola ausgegeben, die 4000 Franc muss ich aber trotzdem zahlen. Der Cheffe meiner Zoll-Kollegin da diktiert ihr praktisch jedes Wort, was sie in ihr komisches Dokument reinkritzelt - und es dauert. Als ich schließlich weiter kann, ist es stockfinster. Scheiße. Ich bin ja noch weiter in Richtung Osten gefahren und die Sonne ging diesmal schon um 1730Uhr unter. Um 1800Uhr war Feierabend. Dafür bin ich ab Niger aber wieder eine Stunde näher dran anner Heimat, ich bin bloß noch eine Stunde zurück mit der Uhrzeit.

Trotz des Stresses mit dem Zoll fühle ich mich in Niger gleich wieder eine Prise besser als in Burkina. Von Burkina Faso war ich - abgesehen von dem Grenzgebiet zu Mali - ein bisschen enttäuscht. Zuviele stressige Leute dort - wenngleich ich mich natürlich auch in erster Linie in stressigen Orten aufgehalten habe. Hatte auch wenig Lust, Fotos zu machen in den letzten Tagen. Von Burkina gibt's deshalb echt wenig. Muss mich ma ein bissel zusammen reissen und wieder öfters auf'n Auslöser drücken. Es gibt schon eine Menge witziger Szenen hier... Muss auf jeden Fall auch mal ein Album machen mit den lustigsten Fortbewegungsmitteln. Ähnlich wie in Ghana sind hier auch diese Kleinbusse sehr verbreitet. Allerdings sind die Beladungsmethoden hier noch eine Ecke schärfer als in Ghana. Unglaublich, wie hoch man auf dem Dach eines Kleinbusses stapeln kann - um dann auch noch Passagiere mit drauf zu tun, die sich am verzurrten Gepäck irgendwie festhalten... Woahnsinn, und sehr effektiv!

Okay, bis Niamey waren es nur noch knapp 80 Kilometer, und es ging. Zumal mein Abblendlicht mittlerweile wieder gut funktioniert und ich selbst abends etwas sehen kann auf der Straße ;-) Trotzdem ist und bleibt es der Wahnsinn, nachts zu fahren. Es ist unglaublich, was auf den Straßen los ist. Am coolsten finde ich ja, dass es auch nach Einbruch der Dunkelheit noch Verrückte gibt, die mit ihren - natürlich absolut unbeleuchteten - Eselkarren auf diesen Landeshauptstraßen (Autobahnen gibt es nicht, diese Straßen kommen einer Autobahn aber schon am nächsten) unterwegs sind. Irre, sie sind schwer und erst spät zu erkennen und bewegen sich ja praktisch nicht, bzw. nur im Schritttempo. Insgesamt lässt sich sagen, dass schon Wert darauf gelegt wird, dass Kraftfahrzeuge eine (halbwegs) funktionierende Beleuchtung an der Frontpartie besitzen. Hinten isses aber schnurzegal. Habe schon viele LKWs gesehen, die entweder keine Rückbeleuchtung oder nur eine einfache kleine Funzel hatten. Auch beliebt sind eine paar reflektierende Straßenschilder, die hinten dran gehangen werden. Dazu noch alles mögliche an schlecht oder gar nicht beleuchteten Moppeds und Fahrrädern. Ist schon sehr nervenaufreibend, und, wenn es irgendwie geht, sollte man Nachtfahrten einfach mal komplett meiden, ok?

Ca. um acht war ich in Niamey. Ich habe mich in's Zentrum vor manövriert und bin dann in einer Seitenstraße stehen geblieben. Da hingen ein paar Leute vor einem Restaurant (offenbar die Mitarbeiter) und ich habe mein Mopped dort abgestellt, um mal kurz Luft zu holen. Es waren die richtigen Leute für mich, denn kurze Zeit später hatte ich meine 'ToDos' erledigt: neue Telefonkarte, was zu Trinken, was zu Futtern und einen Tipp für's Hotel. Der Laden, vor dem die Jungs da saßen, war ziemlich eigenartig. Viel zu schnieke rausgeputzt für meinen Geschmack, die ganze Deko in schwarz/weiß gehalten, alles sehr aufwändig, hmm, eigenartig, zu mal ich der einzige 'Gast' in dem Laden war... Is aba auch wurscht, später kamen sogar noch ein paar einheimische Gäste und ich konnte den Gedanken, dass ich hier in einem Hinterhalt oder so sitze, wieder vom Tisch schieben ;-)

Erst um halb elf Ortszeit war ich dann in meinem Hotel und die Kommunikation mit den beiden Agenten am Nachtschalter verlief - na ja, sagen wir es mal so - schwierig... Ich musste wieder tausend Fiches ausfüllen und völlig sinnfreie Fragen beantworten. Am Ende wollten sie sogar noch einen Pfand von mir haben, damit ich mein Zimmer betreten darf und endlich pennen konnte. Da ich sowieso genervt war, habe ich mit meinem bescheidenen Französisch die beiden zusammen gefaltet so gut es ging. Ich wollte einfach nur noch in's Bett und hatte keinen Bock auf dieses Rumgezeter.

Gepennt habe ich ganz okay, auch wenn ich - wie auch schon in den letzten Tagen - mit einem ziemlichen Brummschädel wach geworden bin. Ich fühle mich derzeit einfach nicht so fit. Mir ist auch immer ein bissel übel und manchmal würde ich das Essen am liebsten gleich wieder auskotzen. Mein Verdauungsapparat macht konstant Streß, mal mehr, mal weniger. Heute ist es besonders unangenehm mit dem Durchfall, wäre vielleicht mal an der Zeit, mir eine Imodium einzuschmeißen, obwohl ich das Zeug eigentlich nicht so sehr mag. Aber immer noch besser, als sich auf der Fahrt in die feinen Motorradsachen zu kacken. Oder ich könnte natürlich auch meinen Nierengurt zur Windel umfunktionieren. Hmmm...

Mittlerweile bin ich fast sechs Wochen unterwegs, zehn Länder, elftausend Kilometer. Ich schätze mal, es sind erste Zeichen der Erschöpfung, die sich da abzeichnen, im Kopf sowieso, jetzt aber auch körperlich. Aber mein Plan ist klar, ich will mich jetzt noch durch Niger und Nigeria schlagen, damit ich relativ rasch in Nordkamerun ankomme. Für heute steht erst mal Niamey - Dosso - Dogondoutchi - Birnin-Konni - Maradi auf dem Programm. Dann entscheide ich, ob ich in Maradi (Niger) übernachte oder sogar schon rüber nach Nigeria fahre und in Katsina oder sogar Kano ein Hotel suche. Über Katsina, Kano und Maidaguri geht's dann durch Nigeria, bis ich bei Bama/Mora nach Kamerun rüber fahre.  Dort erreiche ich dann erstmal den östlichsten Punkt während der Hinreise und das Problem mit der immer schneller untergehende Sonne erledigt sich erstmal. Dann runter Richtung Süden nach Yaoundé oder Doula; dabei gibt's wahrscheinlich das Problem mit der Regenzeit und die 270 Kilometer Dirt Road, von der mir schon oft berichtet wurde.

Und DANN: hole ich meine Süße ab!!!! Es sieht jetzt alles danach aus, als würde sie es tatsächlich schaffen, runter nach Kamerun und Gabun kommen zu können. Der Urlaub ist eingereicht, die Flieger sollten auch klappen, die Kohle kriegen wir schon irgendwie zusammen. Und heute ist Nina sogar in Berlin, um die Visa für Kamerun und Gabun per Express zu bekommen. Sind leider die beiden teuersten Visa in Afrika (von den Ländern, die ich bereise) und es kommen 240 Ois nur für die Visa zusammen. Ganz schön pervers, zumal sie wahrscheinlich 'nur' zwei Wochen oder weniger bleiben kann. Aber ich freu mich wie Sau, ich vermisse dich, mein Schatz, und ich kann's kaum erwarten, dich wieder in den Armen zu halten. Das ist auf jeden Fall Motivation genug für den Weg bis Südkamerun.


So, den nächsten Motivationsdämpfer gibt's aber auch gleich. Habe gerade gesehen, dass ich einen Platten habe am Hinterreifen. Damn. Hatte gestern schon zwischendurch mal angehalten, weil ich so ein komisches Gefühl hatte auf der Straße im Grenzgebiet. Irgendwie hat es sich so eierig angefühlt. Es ist aber auch oft schwer zu unterscheiden, ob es jetzt am Reifen oder an der etwas unebenen Straße liegt. Hab es dann auf die Straße geschoben, offenbar war's aber doch der Reifen. Hmm, muss ich mir jetzt mal anschauen, ob ich ihn flicken muss... Hoffentlich verliere ich da nicht zu viel Zeit mit, aber das muß ich mir jetzt natürlich mal anschauen. Hab auch schon überlegt, vor Kamerun meine TKC80 drauf zu tun. Wäre eigentlich der richtige Zeitpunkt, wenn ich sie denn überhaupt mal verwenden will. Ab Namibia und dann später auf der Rückroute im Osten Afrikas werde ich sie wohl ziemlich sicher nicht mehr benötigen. Da gibt's nur noch Teerstraßen. Aber jetzt, in Kamerun, Gabun, Angola, warten noch einige Highlights der Straßenbaukunst auf mich. Hmm, ei ei ei, grübel, grübel.

Der reparierte Helm hat auch nicht so 100% gehalten. Eine der (geklebten) Schrauben hat sich inzwischen wieder verabschiedet. Es sind schon ganz schöne Kräfte, die durch den Wind auf das Schutzschild ausgeübt werden. Vielleicht reicht es, wenn ich das Teil mit Gaffer-Tape so richtig schön festklebe. Ich habe das Gefühl, je öfter ich, dort versuche, eine weitere Schraube reinzudrehen, desto mehr eiert das Ding aus und ich beschädige meinen (ziemlich teuren) Shoei Hornet um so mehr...

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