Ich hab‘ natürliche eine Menge Lieblingssongs von den Onkelz, aber dieser steht auf jeden Fall ganz weit oben und beschreibt ziemlich genau das Gefühl, das ich habe, wenn ich auf dem Mopped unterwegs bin und Richtung Horizont abdüse. Freiheit, darum geht’s doch nur. Es ist saugeil dieses Gefühl.
Als ich den Trip geplant hatte und auch als ich dann losgefahren bin, war es mir noch nicht klar. Aber es ist der Drang nach Freiheit, der mich auf diesen Trip geschickt hat. Wann hatte ich mich in den letzten Jahren schon mal wirklich frei gefühlt? Ich glaube, es ist ein sehr ursprünglicher Drang des Menschen, frei zu sein. In unserer modernen Welt haben wir gelernt, diesen Drang weitestgehend zu unterdrücken und uns einzuordnen, unterzuordnen und anzupassen. Ich liebe ja Prozesse aller Art und die damit verbundene Ordnung und Strukturen. Die ganzen Regeln und Konventionen, sei es im Büro, auf dem Amt, bei der Bedienung meines Computers, im Straßenverkehr oder sonst wo begrenzen aber auch irgendwann und machen mich depressiv. Fakt ist, dass ich keine Maschine bin, sondern ein Mensch. Und der mag es halt, frei wie der Wind zu sein. Wie ein Vogel umher zu schwirren. Sich selbst ein (vermeintlich unlogisches, weil mit keinem unmittelbaren Profit verbundenes) Ziel zu setzen und das dann mit aller Kraft zu verfolgen. Es gibt nichts lebensbejahenderes. Der Song hier ist eine Ode an die Freiheit und damit an das Leben.
Meiner Meinung nach ist es die Bestimmung des Menschen, sich von jeglicher Unfreiheit zu lösen. Sicher kann man sich im Laufe Lebens auch anpassen und sich mit einem Dasein als „Sklave“ arrangieren. Vor allem, wenn dieses Dasein ein goldener Käfig ist und ein vermeintlich verlockendes Maß an Sicherheit verspricht. Aber es ist doch zum Kotzen und wider unserer Natur, irgendeinem „Herrn“ zu dienen, oder? Ist es nicht vielversprechender, die sowieso arg limitierte Zeit auf diesem Planeten als unabhängiges freies Individuum zu verbringen?
Sicher, die Welt hat sich ein bisschen gewandelt seit den Zeiten der Griechen und Römer, in denen die Sklaverei das Gesellschaftsprinzip war. Aber auch heute sind wir meiner Meinung nach noch ein gutes Stückchen von der „Befreiung“ der Menschheit entfernt. Materielle Nöte, geschürte Ängste sowie die Anfälligkeit für Manipulationen jeglicher Art und durch jedwede Person infolge von Bildungsmangel und Ignoranz lassen sehr viele Menschen in der Welt – und das gilt auch in den sogenannten freien und demokratischen westlichen Ländern – in einer Unfreiheit verharren, aus der sie sich theoretisch zwar befreien könnten, es aber nur selten schaffen.
Ach ja, was unsere Revolution damals anno 89 im Osten angeht: ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass der Drang nach Freiheit damals eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat. Viel entscheidender war meiner Meinung nach die Sehnsucht der Leute danach, Teil der glitzernden westlichen Konsumgesellschaft zu werden. Adidas, Milka, BMW, Amiga und Palmolive waren die wirklichen Katalysatoren für den glorreichen Sturz der Berliner Mauer. Sad but true.
Ich bin jedoch überzeugt davon, dass der Zeitpunkt nicht mehr weit entfernt ist, an dem die Menschen (und da mache ich keinen Unterschied zwischen Deutschen oder Angolanern, Amis oder Haitianer) wirklich frei sein werden. Die verbleibenden „echten“ Probleme der Menschheit (Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung etc.) können durch konzertierte globale Aktivitäten gelöst werden. Wenn dies geschafft ist, wartet der Himmel auf Erden auf uns. Das ist meine Vision (oder ist es nur eine Illusion?). Selbst heute schon sollte kein Mensch mehr hungern müssen. Unsere Technologie und unser Entwicklungsstand wird materielle Nöte in absehbarer Zeit vollständig ausrotten. Mit dem Zugang zum Wissen (sollte spätestens ab dem Internet-Zeitalter eigentlich kein Problem mehr sein) und der Abwesenheit von materieller Not sind die Voraussetzungen für echte Freiheit gegeben. Und das Paradies wartet auf uns, ich freue mich darauf!
Übrigens:
Für mich standen die Onkelz, seitdem ich sie Anfang der Neunziger für mich entdeckt hatte, seit jeher für Unabhängigkeit, Authentizität und eben dem unbändigen Drang nach Freiheit. Stephan Weidner, den Mastermind und Texter der Onkelz, habe ich durch seine Songtexte als besonders inspirierenden Freigeist kennengelernt. Kurios und eine Laune der Geschichte, dass die Onkelz gerade 1991, als dieser Song hier auf der „Wir ham‘ noch lange nicht genug“ Platte erschien und bereits einige Jahre, nachdem sie sich (zumindest für die Fans mit aller Deutlichkeit) von ihrer Skinhead-Vergangenheit Anfang der Achtziger distanziert hatten, besonders in den Fokus der Öffentlichkeit gerieten. Damals brannten die Ausländerwohnheime in Rostock, Mölln und Solingen. Irgendwelche unfassbar verblendeten und dummen Schwachmaten hatten ihrem Frust in der Nach-Wende-Zeit mal so ‚richtig Luft gemacht‘. Und die Presse ‚verleumdete‘ die Onkelz, die mit diesen Wahnsinnstaten ungefähr so viel zu tun hatten wie der Papst mit der Antibabypille, in diesem Zusammenhang mit unglaublicher Vehemenz immer noch als Neonazis und Faschisten. Kaum eine Sau machte sich damals die Mühe, mal wirklich einen Song der Onkelz zu analysieren. Es war ja auch bequemer, bestehende Vorurteile aufzugreifen und weiter drauf zu hauen… Dabei kenne ich kaum Leute, die weiter entfernt sind von faschistoiden Gedanken als z.B. ein Stephan Weidner.
Leider habe ich in der Schnelle den Link nicht gefunden, aber sehr lesenswert in diesem Zusammenhang ist der „Brief an die Fans“, den Weidner im Booklet dieses 91er Onkelz Albums geschrieben hat und in dem er sich und die Onkelz nochmals in aller Deutlichkeit erklärt.
Onkelz - Zieh mit den Wölfen
Freiheit ist mein Name
ich sing Dir dieses Lied
hör was ich Dir sage
spürst Du, dass es mich gibt
ich entfache dieses Feuer
tief in Dir
frei wie der Wind zu sein
vertraue mir
CHORUS:
Zieh' mit den Wölfen
zieh' mit dem Wind
sing meine Lieder
sing böses Kind
Nichts ist unmöglich
alles kann geschehn
schließ die Augen
und Du wirst sehn
hör auf mich
mach Dich frei
reich mir die Hand
Du wirst es nicht bereun
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Mitta Vision biste nich alleene!
AntwortenLöschenRalfsn