Donnerstag, 22. April 2010

Tag 23 – Ham Se nich Lust, mal entführt zu werden?

Ich beschloss, nicht mehr Zeit als nötig in Nouadhibou zu verbringen, irgendwie hatte ich keine große Lust, mich hier lange aufzuhalten. Meine Sachen brauchten nicht mehr gepackt zu werden, ich hatte gestern alles in eine Ecke meines Zimmers geschmissen, mir den Sand soweit es ging aus den Klamotten geschüttelt und war dann eingepennt. Ich verzichtete auf’s Duschen, das hob ich mir für Nouakchott und die sagenumwobene Auberge Sahara auf. Als Julian eine deutsche Stimme vernahm, kam er auch aus dem Zelt gekrabbelt und wir starteten das obligatorische Gespräch unter Motorradreisenden. Ich bekam wieder einiges an wertvollem Input, unter anderem die GPS-Koordinaten der Auberge Sahara in Nouakchott. Nach der langen Suche gestern Abend weiß ich die Koordinaten mittlerweile sehr zu schätzen! Obwohl Julian (kommt aus Bremen) ebenfalls nach Südafrika will, wird relativ schnell klar, dass eine gemeinsame Tour (auch nur einer Teilstrecke) nicht drin ist. Er hat einen gänzlich anderen Zeitplan und hat bis Ende September Zeit. Außerdem plant er noch ein paar Tage in Nouadhibou ein, um Reparaturen an seinem Mopped, einer Yamaha TTR vorzunehmen.


Während Didis Monster-Twin mit den 60 Litern Tankkapazität bislang den Vogel abschießt, ist Julians umgebaute Yamaha auch nicht zu verachten, 38 Liter Tankvolumen bringen ihn ca. 800 Kilometer weit. Nicht schlecht, dabei dachte ich doch, dass ich mit meiner GS Adventure und den 35 Litern ziemlich weit vorne mit dabei bin. Zumindest die deutschen Tankwirte haben immer gestaunt, hier beeindruckt das keinen mehr ;-)

Julian hat natürlich – jeder, der hier on the road ist, scheint so etwas zu haben – eine Webseite (Julianus Africanus), wir tauschen unsere Kontakte aus und werden „in touch“ bleiben. Die Informationen, die man von anderen Travellern bekommt, sind einfach am wertvollsten und hier unten definitiv lebensnotwendig. Julian hat keinen eigenen Netbook dabei und aktualisiert seine Webseite Twitter-mässig per SMS. Eine coole Idee, zumal die Pre Paid Karten im Gegensatz zum Internet überall erhältlich sind. Julian meinte auch, dass es hier wohl möglich sein, UMTS-mässig mit der Handy SIM-Karte ins Netz zu gehen. Auch keine schlechte Idee, werde ich mir mal im Hinterkopf behalten.

Ich hatte auch noch einiges zu erledigen in Nouadhibou, bevor ich los konnte. Erst mal zur Bank. Es funtionierte bei der Societé Generale, hurra! Leider habe ich ein bisschen voreilig auf den falschen Knopf gedrückt und hatte nun ca. 240 Euros in Mauretanischen Ouguiyas in der Tasche. Das sind 80000 Öken, die das Portemonnaie ordentlich füllen. Na gut, im Geldausgeben bin ich ja auch nicht so schlecht. Als nächstes zur Versicherung. Muss man ja für’s Mopped hier nochmal extra abschließen. Leider hatte keine der Versicherungen dieses Mehr-Länder-Paket im Angebot, weshalb ich nur eine Zehntagesversicherung für Mauretanien allein abschließen konnte, hat ca. 8€ gekostet. Okay, weiter. Ganz wichtig: ich habe mir 40 Copies des Fiche-Dokuments angefertigt. Damit sollte ich an den vielen bevorstehenden Checkpoints der mauretanischen Polizei keinen Stress mehr haben.


So, hab mich dann noch entschlossen, für Mauretanien eine SIM-Karte zu organisieren. Wollte einfach Ninas Stimme hören und mit ihr reden, bevor ich in Nouakchott angekommen bin. Es gab ja auch schon wieder sooo viel zu erzählen. Also die SIM-Karte organisiert und mich ein bisschen abziehen lassen. Wir eine Karte ohne Guthaben habe ich für hiesige Verhältnisse astronomische 3000 Ouguiyas (ca. 8€) hingelegt. Na ja, ich werde es überleben, solange es bei solchen kleinen Bescheissereien bleibt. Abdullah steht mir die ganze Zeit zur Seite bei meinen Besorgungen und mir ist klar, dass ich ihm dafür etwas geben muss. Das ist es mir diesmal auch wert, er war wirklich cool und hilfsbereit, wenn auch manchmal ziemlich schwer von Begriff. Ich bin ziemlich sicher, dass er nicht Lesen und Schreiben kann. Ich gebe ihm umgerechnet ca. 5€ und er scheint sehr zufrieden damit zu sein.




Also meine Maschine gepackt, alles schön verzurrt, die Rechnung bei Ali beglichen und fertig gemacht für die Abreise nach Nouakchott. Das Wetter überrascht mich total. 25-30° sind angenehm chillig, aber es regnet hier! Dicke fette Tropfen kommen vom Himmel. Mann-o-Mann, wo bin ich denn hier gelandet, ich dachte ich sei inner Wüste? Das feuchte Wetter, dazu der Sand praktisch überall – war schon etwas ekelig. Der Sand hatte sich echt in allen Ritzen und Zwischenräumen eingelagert. Den werde ich wohl nicht mehr so schnell los. Beim Öffnen und Schließen meiner Koffer knirscht es wie Sau; auch meine Hose raschelt bei jeder Bewegung. Selbst das Brot, welches ich esse, scheint voller knirschigem Sand zu sein. Einfach ekelig. Bei der Entsorgung des Mülls habe ich (natürlich nur in den Städten – ansonsten bemühe ich mich die „no footprint“ Strategie zu verfolgen und alles so zu hinterlassen, wie ich es vorgefunden habe) mittlerweile die afrikanische Mentalität angenommen, alles an Ort und Stelle wegzuwerfen und liegen zu lassen. D.h. eigentlich, dass ich mich mittlerweile diesbezüglich so verhalte wie daheim in Berlin. Da mache ich es ja eigentlich auch nicht anders – ich alte Drecksau, elendige!

So, bevor es dann aber wirklich losgeht, rufe ich nochmal schnell bei Nina an und gebe ihr ein kurzes Update, wie es gestern gelaufen ist. Mich trifft’s dann ganz schön hammerhart und unvorbereitet, als ich sie ziemlich aufgelöst am Telefon habe. Sie hatte sich tierische Sorgen gemacht gestern Nacht, weil ich mich nicht mehr gemeldet habe und auch nicht auf ihre Anrufe und SMS reagiert hatte. Wir hatten uns wegen diesem Hotel mit WiFi – Zugang leider total missverstanden und sie dachte, dass ich da schon gestern Abend wäre und mich auf jeden Fall melden würde. Außerdem hatte sie ein sehr eigenartiges Verhalten bei ihren Versuchen, mich auf der marokkanischen Handynummer zu erreichen. Mal schien es zu klingeln, dann wieder nicht, die SMS schienen angekommen zu sein, aber ich meldete mich trotzdem nicht. Au Mann. Scheiße aber auch, da hat sich meine Süße relativ um sonst so viele Sorgen gemacht, nur weil ich wahrscheinlich bei unserem letzten Telefonat an der marokkanischen Grenze rum genuschelt und mich nicht richtig ausgedrückt hatte. Die marokkanische Nummer hatte seit der Grenze nicht mehr funktioniert und ich hatte damit in Mauretanien überhaupt kein Netz. Keine Ahnung, warum Nina bei ihren Kontaktversuche so ein komisches unterschiedliches Verhalten hatte. Ich hatte davon nix mitbekommen und auch auf meinem Telefon waren keine entgangenen Anrufe oder SMS oder sonst was zu sehen. Ich war davon ausgegangen, dass meine Süße gemütlich zu Hause im Bettchen liegt und was Schönes träumt. Damn aber auch, ich wollte ihr ja keine Sorgen bereiten und mir tut’s immer noch sehr leid, dass sie solch eine beschissene Nacht verbracht hat.

Schließlich gehört die Gegend, in der ich mich gerade befinde, nicht gerade zu den sichersten der Welt. Ganz im Gegenteil sogar. Das AA warnt vor Reisen in dieses Gebiet und es ist erst ein paar Monate her, als auf der Strecke zwischen Nouadhibou und Nouakchott ein paar Spanier entführt wurden, die bis heute immer noch nicht aufgetaucht sind. Wenn ich mit anderen Reisenden darüber spreche, tendiere ich meist dazu, mich ein wenig lustig zu machen. Die Spanier bekommen von den Entführern sicherlich eine ganz tolle geführte Tour durch die schönsten Ecken Mauretaniens, Malis und Algeriens und lernen auf diese Weise unschätzbar viel über die Gepflogenheiten und Bräuche der hier ansässigen Bevölkerung. Ernsthaft betrachtet nehme ich die Gefahr natürlich auch ernst und bin froh, dass mir so etwas nicht passiert ist (bislang) und wohl auch nicht passieren wird. Ich weiß nicht genau, wie solch eine Entführung (von der Hauptstraße weg) abläuft, aber ich glaube, man muss da auch als Entführter ein bisschen ‚mitspielen‘. Ich meine, ich rase durch diese Gegend mit 150, 160 durch. Okay, sie könnten eine Barrikade aufbauen und mich so zum Anhalten bringen. Das ist aber doch ziemlich unwahrscheinlich. Naheliegender ist es, dass die Entführer mit einem Pick-Up oder sonst einer Karre das potentielle Opfer verfolgen, es auf der Straße überholen, ein bisschen mit ihren Knarren umher ballern und so zum Anhalten ‚bewegen‘. 

Kurzum, ich fühle mich relativ sicher mit der Art und Weise, wie ich mich hier durch’s Land bewege. Die Strecke heute (ca. 400 Kilometer) zwischen Nouadhibou und Nouakchott bietet das gewohnt Maß an Abwechslung: gar keine. Es ist zum Haare raufen. Ich weiß nicht, wie lange ich das hier noch aushalte. Irgendwann (bitte früher als später) muss mal eine andere Landschaft kommen, das kann doch nicht ewig so weitergehen! In Nouadhibou bemerke ich neben dem nicht funktionierendem Abblend- und Nebelscheinwerferlicht und den Problemen mit der Kupplung noch eine weitere Komplikation. Die Hupe geht nicht mehr. Scheiße. Während das in Deutschland unter ‚minor shit‘ abzuhaken ist, ist das hier unten schon eine ziemliches Issue. Man kann sich innerhalb einer Ortsschaft ohne Hupe de facto nicht sicher bewegen. Weil die Leute sich nicht so gerne umsehen auf der Straße und daher hauptsächlich auf akustische Signale reagieren. Na ja, später funktioniert die Hupe wieder, aber ich muss das mal im Auge behalten.




Ich tanke zum ersten Mal – mit einem ziemlich mulmigen Gefühl im Magen – verbleiten Sprit. Ich versuche, die besorgten Seufzer meines Auspuffs zu ignorieren, kann dann aber nicht anders als mitleidig in seine Richtung zu schielen und dem Katalysator auf dem  schweren Weg, der vor ihm liegt, alles Gute zu wünschen. Du schaffst das, Junge. Gib nicht auf. Alles wird gut. Du bist ein feiner, kleiner Katalysator. Denk immer daran, ich hab dich seehr lieb!

Auf dem Weg nach Nouakchott mache ich zwei längere Pausen, komme aber trotzdem flott voran. Schließlich freue mich ja auch auf die Unterkunft in der Auberge Sahara und das Champions League Spiel heute Abend. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, dass heute die Bayern spielen würden und nicht Inter gegen Barca…

Das größte Problem heute auf der Strecke sind eigentlich nur die Verwehungen des Sandes und die ständigen Sandschwaden, die über den Asphalt rüber ziehen. Die machen es manchmal schwer, genau zu erkennen, wo es eine Senke gibt, wo ein Schlagloch und wo es tatsächlich mal ein Haufen Sand geschafft hat, sich auf der Piste abzulagern. Auf den Bildern kommt die Intensität der Sandschwaden nicht so gut rüber, in Wirklichkeit bedecken sie scheinbar die ganze Straße und man fährt praktisch ‚durch‘ den Sandwind hindurch.



Ca. gegen 1600Uhr bin ich Nouakchott; ich bin also so früh am Ziel wie noch nie auf meiner bisherigen Reise. Wunderbar!  Ich habe mittlerweile ziemliche Probleme mit meinem Helm. Durch den massiven konstanten Seitenwind heute hat sich der Helm und die darunter liegende Sonnenbrille so in meine Schläfe gedrückt, dass es mittlerweile richtig schmerzt. Aua. Meine Sonnenbrille, die ich mir in Agadir für 3€ oder so gekauft hatte, ist auch schon wieder Geschichte. Die hat die extremen Bedingungen hier nicht ausgehalten und ist auseinander gefallen. Muss mir aber in jedem Fall noch eine Ersatzbrille kaufen. Ohne Sonnenbrille fährt’s sich echt bescheiden. Erst mal brauche ich sie als zusätzlichen Schutz gegen den Wind und dann natürlich auch als Schutz gegen die beißende Sonne.

Die Checkpoints laufen mittlerweile mit Fiche wie geschmiert. Ich muss nicht mal groß mit den Typen reden, reiche einfach meinen Zettel hin und kann dann meistens schon weiterfahren. Meine gewohnten Zigarettenpausen bei den Checkpoints verkürzen sich so rapide und ich muss mir jetzt wohl eine neue Strategie einfallen lassen, wie ich an mein geliebtes Nikotin komme (offener Helm?).

Die Auberge Sahara in Nouakchott habe ich dann ziemlich schnell gefunden und habe mich auch gleich von Anfang wohl gefühlt hier. Erst mal das Zimmer beziehen, Duschen (!!!), was Futtern, Internet checken. Ach, ist das herrlich. Es gibt auch eine Handvoll anderer englischsprachiger Individualreisender hier, mit denen ich mich sicher noch austauschen werde. Dann endlich das aufklärende Telefonat via Skype mit Nina, in der ich ihr erkläre, wie das seit gestern Abend so gelaufen war bei mir und warum ich mich zwischendurch nicht melden konnte.

Aufgrund der Zeitverschiebung (ist hier genauso wie in Marokko, CL Spiele beginnen also ca. um 1830Uhr!), habe ich das Spiel gestern gleichmal verpennt. Aber Gott sei Dank war es nicht das Bayern-Spiel, sondern ‚nur‘ Inter gegen Barca.

Nachdem ich mich ordentlich von den massenhaft anwesenden Mosquitos zerhackt haben lasse, sinke ich auch heute wieder mehr als müde und erschöpft in meine wunderschönes (eine Matratze erhöht auf einem Stapel Euro-Paletten) Bettchen.

Bonne nuit, Welt!


P.S. Noch ein kurzes Wort zu Mauretanien. Also, soweit ich das sehe, scheint es eine ziemliche Bananenrepublik zu sein mit tiefgreifenden sozialen Problemen. Von den Menschenrechten mal ganz zu schweigen. Die Sklaverei wurde offiziell immerhin 1980 (!!!) abgeschafft, wird aber soweit ich es gehört habe noch weiterhin praktiziert. Es gab in der Vergangenheit (und vielleicht auch noch heute –  so genau weiß ich das nicht – einen ziemlich herben Rassismus im Land, welches aus hellhäutigen und dunkelhäutigen Berbern sowie im Süden aus Schwarzen besteht. Die dunkelhäutigen Berber sind in diesem bescheuerten Kasten-System ganz unten angesiedelt, und auch die Schwarzen haben wohl nicht so viel Freude über ihre Position in der Gesellschaftshierarchie. Keine Ahnung, aber das wirkt doch alles sehr steinzeitlich. Dazu noch diese massive Militärpräsenz. Es gibt ein paar Feiertage, die die Erinnerung an irgendeinen beschissenen Militär-Putsch aufrecht erhalten… Ein Kackland par excellence. Und was die Stellung der Frauen angeht, darüber reden wir mal besser nicht. Ich habe von Schätzungen gelesen, die besagen, dass hier 70% (!!!) der Frauen das Ritual der Beschneidung hinter sich haben. Wahnsinn, irre, abartig. Ich sach mal so, für mich ist Mauretanien ein reines Transitland, um weiter zu kommen nach Senegal bzw. Mali. Verlieben werde ich mich in das Land wohl nicht mehr.

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