Donnerstag, 10. Juni 2010

Tag 42 – Alien unterwegs von Kano nach Maiduguri!

Well. Nach Tag 73 würde man normalerweise wohl Tach 74 vermuten, aber ich hab ja einiges nachzuholen. Wird jetzt mal versuchen, die Blogs ab Nigeria nach zu schießen und so die Lücke, die sich in den letzten Wochen gebildet hat, wieder zu schließen. Hoffe, das stiftet nicht zu viel Verwirrung. Ist ne ziemliche Aktion, ma gucken, wie ich voran komme.

Juti, also zurück zu Tach 42. Nigeria. Genauer genommen Kano, wo ich nach einer übel verrückten Nachtfahrt am Tag zuvor angekommen war. Genächtigt hatte ich im „Great Palace Kano“. Wieder mal ein wunderschöner Name für nicht allzu viel dahinter. Aber ich war ja froh, überhaupt was zu haben, als ich hier orientierungslos nachts angekommen war.


Mein Frühstück gab’s auf’s Zimmer, und danach gab’s ordentlich Verwirrung wegen der Bezahlung desselben. Sollte eigentlich inklusive sein, die wortkarge Kellnerin hat trotzdem was eingesackt – für die eigene Tasche. Habe ich aber später zurück bekommen. Über den Service hier hatte ich mich ja schon mal ausgelassen. Im Prinzip wird man als Gast behandelt wie ein Stück Vieh auf dem Weg zum Schlachthof (und das vor allen Dingen in Mittelklasse-Hotels, also nicht ganz top of the pops, aber auch nicht ganz runter gekommen).

Was mir in meinem Hotel tierisch auf den Keks geht: das Englisch, welches hier stark akzentuiert gesprochen wird. Ist halt extrem afrikanisch abgehackt. Und in letzter Konsequenz verstehe ich weniger als in Francais Afrique, wo ich ja eigentlich mehr Probleme zu haben glaubte. Richtig unleidig werde ich aber dann, wenn ich mit Massa oder Sir oder irgend so einem Blödsinn angeredet werden. Die „Servicekräfte“ denken dann wahrscheinlich, dass sie besonders nett sind oder so. Ich find’s einfach nur zum Kotzen und krieg schlechte Laune. Ich glaub‘, das ist vielleicht vergleichbar, wenn man einen Schwarzen mit Nigga angeredet. Na ja, ist ja auch wurscht, mag ich einfach nicht. Ich bin mit der Sprache hier auch nicht so geduldig, weil ich eigentlich davon ausgehe, dass sie Englisch sprechen können sollten; aber das ist eben das Problem in Afrika, auch wenn’s die Amtssprache ist, heißt das noch lange nicht, dass die Leute die Sprache auch sprechen/verstehen. Englisch ist eben eher die Bildungssprache bzw. offizielle Amtssprache; und das heißt noch lange nicht, dass diese Sprache von allen oder auch nur den meisten wirklich verstanden wird. Eigentlich ne sehr krasse Geschichte, wenn die Leute ihre Amtssprache nicht verstehen. Macht sich bestimmt sehr gut, wenn es um praktizierte Demokratie geht. Wie wollen die Leute partizipieren, wenn sie die Reden ihrer Politiker nicht oder nur zum Teil verstehen können? Das Problem gibt’s ja dann aber mal in ganz Afrika. Dank der äußert sinnvollen Einteilung der afrikanischen Nationalstaaten gibt es praktisch in jedem Land größere Bevölkerungsschichten, die die jeweilige Amtssprache nicht wirklich beherrschen.


Na ja, der Abschied aus meinem Hotel ist ganz nett. Die Typen von der Security putzen ein bissel mein Mopped und bieten mir an, mich aus der Stadt zu führen. Dummerweise gehe ich diesmal nicht darauf ein und glaube, dass ich alleine raus finde aus diesem Ungetüm von einer Stadt. Nach ein paar Metern kehrt aber wieder der Respekt vom Tag zuvor zurück und ich entschließe mich, einen Taxifahrer zu bitten, mich raus zu führen aus diesem Labyrinth. Für 400 Naira macht er’s dann auch. Während der 30-45 minütigen Fahrt lässt er nacheinander alle seine Fahrgäste raus (es waren eine Menge, keine Ahnung, wo die überall raus gekrabbelt kamen). Und die Investition der 400 Nairas hatte sich gelohnt. Irre diese Stadt.









Der Verkehr hier in Kano hat einen ganz anderen Level als z.B. noch in Ouagadougou; hier brodelt es einfach mal! Leider konnte ich von der Situation kein Foto machen, weil ich selber fahren musste, aber das war echt das Härteste was ich bisher gesehen habe: ein Typ transportiert auf seinem Kopf (!) ein paar ca. 4-5 Meter lange Metallstangen (womöglich für den Bau oder sowas) durch die Stadt. Das ganze aber nicht als Fußgänger, sondern als Beifahrer auf einem Mopped auf einer Hauptstraße mitten durch die City! Man kann das nicht beschreiben, sowas muss man gesehen haben. Ich bin ja mittlerweile einiges gewohnt, aber das war echt der Oberhammer und mir ist die Kinnlade nach unten gesackt. Junge, Junge. Bin mit ordentlich Schmackes an diesem Duo vorbei gebraust und hab mir das nochmal genüsslich im Rückspiegel betrachtet. Einfach irre!

Als mich mein Taxifahrer aus der Stadt geführt und auf die Straße Richtung Maiduguri geführt hatte, überreichte er mir dann noch eine überaus brauchbare Skizze bzgl. der weiteren Strecke bis Maiduguri, die ich sehr dankbar entgegen nahm. Er hat echt eine ganze Weile daran rumgekritzelt und ich war schon reichlich nervös, weil ich endlich los wollte und heute 600 Kilometer bis Maiduguri auf dem Programm standen. Aber was ich dann bekam, war echt der Hammer. Mit so einem Plan kann eigentlich nix mehr schief gehen, oder?


Na egal, eingesteckt das Ding und los gebraust. Und als Erkenntnisse aus Kano mitgenommen, immer beim Verlassen einer größeren Stadt jemanden anzusprechen und darum zu bitten, mich gegen eine geringe Gebühr aus der Stadt zu führen. Das spart eine Menge Ärger und Stress. Das Gleiche in neuen Großstädten. Beim Reinkommen immer schön versuchen, eine vertrauenswürdige Person zu identifizieren, anhalten, in Ruhe eine Kippe rauchen und in’s Gespräch kommen. So kommt man am besten zu verwertbaren Tipps bzgl. Hotels oder sonstiger Unterkünfte.

Ach ja, üblicherweise frage ich ziemlich viel herum unterwegs. Wo geht’s lang? Wie viele Kilometer sind’s noch bis da und dahin? Wie lange werde ich ungefähr brauchen? Besonders die Antworten auf die letzten Fragen sind fast durchweg absolut wertlos. Offenbar scheinen die meisten Leute hier zu denken, dass ich fliegen oder mich durch Berge graben mit meiner Maschine. Keine Ahnung, in jedem Fall werden die Entfernungen in den allermeisten Fällen untertrieben und ich muss mir angewöhnen, die Angaben mit einem bestimmten Faktor zu multiplizieren. Manchmal gehe ich auch auf dieses Spiel ein und erzähle dann wie ich mit meinem Mopped in einer halben Stunde eine 100 Kilometer Dirt Road Strecke fahre. Witzig ist, dass das oft geglaubt wird – aber natürlich kläre ich die Leute darüber auf, dass es ein Witz war. Na ja, nicht so einfach. Am liebsten wären mir ja einfach mal brauchbare Infos, aber das klappt einfach nicht… Auch die Angaben zu den Straßenzuständen sind meist ziemlich deppert. Eine „good road“ bedeutet oft, dass es sich um eine total beschissene Straße handelt. Man muss also ganz schön vorsichtig sein mit den zum Teil ziemlich wertlosen Informationen. Übrigens benutze ich inzwischen mein Navi so gut wie gar nicht mehr. Ich hab irgendwie ein Problem, das Teil über die Batterie nachzuladen. Oft geht’s einfach spontan aus und verabschiedet sich. Muss es dann am Rechner wieder aufladen. Blöd, aber kein ernsthaftes Problem. Die Kombination aus Michelin Karte und Rumfragen ist sowieso sinnvoller und effektiver.

Kurz nachdem ich endlich losgekommen war aus Kano konnte ich auch gleich mal wieder anhalten und eine Polizeikontrolle genießen. Wie immer entwickelte sich ein mehr oder weniger langer Smalltalk mit den Uniformierten. Aber der Kollege hier würde gerne auch etwas mehr von mir als freundliche Worte. „Was bringen Sie Nigeria?“ meint er. Hmm, ich glaube, er meinte damit eher, wie viel Baksheesh ich ihm geben könnte. Aber ich tue bewusst planlos und antworte nur „ein wunderschönes Wetter“. Mann, ist das nervig. Das Gute ist, dass er sich schnell damit zufrieden gibt und nicht aggressiv oder penetrant wird. Es gibt zwar schon hin und wieder mal einen Bullen, der die Hand aufhält, aber in der Regel kann man sich mit ein bisschen Reden aus der Situation befreien. Es gibt aber auch (wenige) Polizisten die einen ziemlich harschen Umgangston drauf haben, in etwa vergleichbar mit der Grundausbildung am ersten Tag. Ich bin dann immer versucht, diese Volldeppen zu verarschen, in dem ich ihnen genauso antworte, in der Art „yessir“, „nosir“, „berlinsir“, „schwarzwälderkirschsir“, „bruttosozialproduktsir“, „autobahnsir“… )

Fakt ist: die Nigerianer haben’s wirklich eilig. Nach Kano habe ich 50 Kilometer lang relativ viel Verkehr. Es ist echt chaotisch, aber ich passe mich an und „spiele“ mit, auch wenn das nicht meine bevorzugte Art ist, mich fortzubewegen (aggressive Überholmanöver etc.). Aber ich glaube „do as the Romans do“ ist eigentlich immer die „sicherste“ Option. Hier konservativ lang zu schleichen bringt sicher auch keine Punkte und ich werde mit dem Mopped eher noch über den Haufen gefahren. Als Moppedfahrer wird man hier auch nicht so wirklich für voll genommen; und die Leute auf der Gegenfahrbahn haben keine Hemmungen zu überholen, wenn ihnen Moppeds entgegen kommen. Die Devise scheint zu lauten: dit Mopped kann ja wohl bitteschön immer noch auf den Sandstreifen am Rande der Fahrbahn ausweichen. Na schönen Dank, die die Lichthupe und die richtige Tröte an meiner GS ist im Dauereinsatz. Bis nach Kari (ca. 280 Kilometer Teerstraße) erlebe ich dann so einige schreckhafte Momente dank der anderen Verkehrsteilnehmer. Ich sach mal so: die Fahrerei hier hat’s definitiv in sich. Sich hier auf dem Mopped fort zu bewegen ist nix für Sonntagsfahrer und Leute mit schwachen Nerven bzw.

Von Kano bis Kari ging’s immer schön geradeaus. Die Straßen sind ok, aber auch nicht gerade toll. Zwischendrin gibt’s auch mal Dirt Road – ähnliche Zustände: Versandungen, große Schlaglöcher; zum Ende hin gibt’s immer mehr ziemlich fette Spurrillen, die sehr unangenehm zu fahren sind (man eiert und schwimmt so schön herum, und es ist konzentrationsmässig ganz schön anstrengend…

Vor Kari mache ich in einem Dorf einen Stopp, weil ich Brand hab wie Sau. Es gibt mal wieder ein mittleren Volksaufstand, als ich aufkreuze und mir ein paar Drinks einflößen will. Der Oberchecker der Meute heißt Mohammed Mohammed (aha!), und er kümmert sich um mich (der Typ im violetten Gewand). Er fertigt mir sogar eine Visitenkarte an, voila.



Ich hatte schon öfters in Nigeria (und auch Niger) bemerkt, dass einige Leute (v.a. Männer) seltsame Narben in Form bestimmter Muster auf dem Gesicht haben. Richtige Scarfaces, die Jungs. Mohammed erklärt mir, dass durch das Muster gekennzeichnet wird, aus welcher Region man kommt, damit man wieder erkannt wird, wenn man mal verloren geht. Aha, ein Etikett sozusagen. Interessante Sache, aber wenn ich mir überlege, die ganze Zeit mit einem dicken V wie Vetschau auf der Stirn rumzurennen; hmm, muss nicht unbedingt sein… Ich verteile mal wieder fleißig Visitenkarten im Ort. Sie sind heiß begehrt in Afrika. Ich habe in meiner gesamten Zeit in meiner Firma noch nicht so viele Karten verteilt, wie in den letzten Tagen meiner Afrikareise.

Nach meinem Zwischenstopp in diesem kleinen Dorf ging’s weiter durch Potiskum und Damaturu, wo ich nochmal einen dieser inzwischen gut eintrainierten Popstar-Auftritte habe.

Die Kilometer bis Maiduguri reiße ich schön runter, und ich entschließe mich, kurz vor Maiduguri nochmal anzuhalten. Es dämmert schon langsam, aber ich will noch mal eine Kippe rauchen. Der Tag hat schon wieder ganz schön geschlaucht. Ich stinke wie eine Sau, es müffelt, meine Klamotten stehen vor Dreck, ich fühle mich einfach ekelig. Ich hatte heute bis zu 42,5° und dazu eine ziemlich hohe Luftfeuchtigkeit. Die Schwüle lässt die Suppe laufen; ich bin total nass geschwitzt.




Bei meinem letzten Stop fühle ich mich richtig erschöpft. Ich setze mich am Straßenrand hin, trinke etwas und rauche meine Kippe. Ich mache noch ein paar Fotos, aber nach einer Weile bemerke ich, dass unweit von mir ein paar Hütten stehen. Kein richtiges Dorf, aber die Leute kommen schon wieder auf mich zu… Ich verbringe eine ganze Weile hier mit den Leuten; ich fühle mich einfach zu k.o., um wieder auf’s Bike zu steigen. Die Leute hier sprechen Hausa, und ich natürlich nix comprende. Und sie nix comprende Englisch. Ist aber trotzdem sehr nett und witzig. Ich spüre einfach, dass mir die Leute wohlgesonnen sind. Als gerade keiner in meine Richtung geguckt hatte, machte ich einen Bullen nach, und die Jungs haben sich tatsächlich sofort umgedreht und haben versucht, den verlorenen Bullen auf der anderen Straßenseite zu finden… Ich bin halt so ein toller Tier-Imitator. Eine meiner ganz großen Stärken, yep.


Als ich mich dann doch endlich aufgerafft hatte und auf’s Bike gestiegen bin – es war mittlerweile schon ziemlich dunkel, merke ich ziemlich schnell – nach 2 Kilometern oder so, dass ich mal ganz dringend wieder anhalten sollte. Urplötzlich meldete sich mein Verdauungsapparat und spielte verrückt. Hoch priorisierte Nachricht an das zentrale Steuerungsorgan: Ich muss auf’s Klo, SOFORT!


Oh Mann, das war kein gutes Gefühl. Also Bike anne Seite rangefahren, den kürzesten Weg in die Büsche, Hose runter und voila. Was hatte sich da nur zusammengebraut? Einfach ekelhaft. Ein im wahrsten Sinne des Wortes beschissenes Gefühl. Na ja, ich kann einfach sagen, dass ich mich inzwischen körperlich ziemlich fertig fühle. Schlaucht schon ordentlich diese Reiserei.

Als ich dann nach einer ganzen Weile meine Mission in den Büschen beendet hatte und wieder losfuhr, war’s schon stockfinster. Die 30 Kilometer oder so bis Maiduguri bin ich noch halbwegs dahin gedackelt. Ich bin definitiv nicht in Top-Form. In Maiduguri fahre ich ein bissel in der Gegen herum; fühle mich schwach. An einem Markt, der gerade abgebaut wird, halte ich an und komme ins Gespräch mit ein paar Händlern. Die Leute empfangen mich super freundlich; sie sind begeistert und freuen sich, dass ich da bin. Sie berichten stolz, dass Maiduguri eine sehr sichere Stadt sei. Interessant, im Vergleich zu was? Na mal sehen, aber ich vertraue den Leuten von Anfang an. Ich bekomme verschiedene Hotel-Optionen angeboten, entscheide mich aber gegen das vermeintlich sehr teure Sheraton, was mir die Kollegen hier eigentlich nahe gelegt haben, und für eine billigere Option. Cash müsste ich eigentlich auch noch besorgen; habe nur noch ein paar Tausend Nairas, für die man sich grad mal einen Scheiß kaufen kann. Wer weiß, ob und wo ich nochmal einen ATM finde hier. Bäh.

Schließlich werde ich mit Hilfe eines Typen vom Markt zu meinem Dream Hotel geleitet. Puh. Ich lasse mir das Zimmer zeigen und – well – wäre fast wieder rücklings rausgeflogen. Üble Kajüte. Aber ich setze mein Pokerface auf und tue so, als ob solche Zimmer das Normalste der Welt wären. Ich wäre auch viel zu faul, nochmal das Hotel zu wechseln und mir was anderes zu suchen. Wird schon passen für eine Nacht. Aber das Geile kommt ja noch. Es gibt kein Wasser, verfluchte Kacke. Ich will, nein – ich muss – mich nach diesem krassen Tag unbedingt duschen. Ich bestehe darauf, ein Zimmer mit Wasser zu bekommen und ordentlich Stress. Der Typ soll mir ein anderes Zimmer geben oder mir zumindest eine Dusche zur Verfügung stellen, damit ich diesen ganzen Ekel des Tages abwaschen kann. Er stellt sich aber an wie Sau; es gäbe kein Wasser nirgendwo. Aber ich bleibe hart; ich habe keinen Bock, mir das bieten zu lassen. Ich diskutiere rum, so jeht’s ja mal nicht, Junge! Schließlich zeigt er mir einen Wasserhahn, an dem ich mich waschen kann. Geile Dusche, aber immerhin etwas!

Da stehe ich also nackt im Hof und wasche mich an diesem blöden Wasserhahn. Aber egal, Scharia hin oder her, hier ist Schluss mit Prüderie und die ostdeutsche Freikörperkultur hält Einzug.

Nach der Dusche telefoniere ich mit Nina, um ihr von meinem neuen Luxus Ressort zu berichten. Ich denke, dass sie schon zurück aus Hamburg, wo sie das Wochenende verbracht hat, in Wien ist. Stattdessen sitzt sie aber im Auto und fährt mit ner Mitfahrgelegenheit von Hamburg nach München. Diese dämliche Aschewolke ist Schuld daran, dass die Flieger aus Hamburg nicht abgehoben haben, und jetzt versucht sie über München nach Wien zu kommen. Oh Mann, arme Maus, was für eine Scheiße. Sie ist gerade mal bei Göttingen/Kassel, als wir telefonieren; hat also noch ein ordentliches Stückchen vor sich. Ich verspreche, für sie im Internet zu recherchieren, ob es einen Bus o.ä. von München nach Wien gibt, den sie dann in der Nacht nehmen könnte. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie sich den Montag frei nehmen soll, aber sie will unbedingt zur Arbeit, weil sie schon etwas Gewissensbisse wegen dem eingereichten, spontanen Afrika-Urlaub hat. Außerdem hatte sie sich ja schon den Freitag frei genommen wegen den Botschaftsgängen in Berlin. Alles dafür, dass wir uns sehen können. Soviel ‚fucking‘ Stress. Sie tut mir leid und ich fühle mich ziemlich schlecht, weil ich ja dafür verantwortlich bin. Schließlich bin ich ja einfach mal für ein halbes Jahr verschwunden, und damit wir uns sehen können, muss sie diesen ganzen Stress auf sich nehmen.

Aber es wird nix mit der Hilfe. Dieses blöde Internet-Café hat schon zu, im Hotel gibt’s natürlich sowieso keins., Wahrscheinlich wäre die Verbindung im Cybercafé sowieso viel zu langsam gewesen, um irgendwas sinnvolles machen zu können. Aber trotzdem, damn. Beim chinesischen Supermarkt umme Ecke checke ich ein, um was zu trinken und zu futtern. Sehr seltsames Szenario hier. Der Oberboss ist ein Chinese, die Angestellten sind Nigerianer. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dieses Bild zu kennen. Aus irgendwelchen Filmen über die Baumwollplantagen in den Südstaaten Anfang des 19. Jahrhunderts… Ich beobachte das Treiben eine ganze Weile mit einer gewissen Faszination. Der Chinese einerseits, der wie wild alles organisiert und die Schwarzen antreibt. Und die Einheimischen andererseits, die – sobald der Chinese mal wegguckt – einen ziemlich gechillten und nicht sonderlich motivierten Eindruck machen. Es ist einfach ein unglaublicher Unterschied zu erkennen. Ich glaube, die Mentalitäten zwischen Asiaten und Afrikanern könnten nicht unterschiedlicher sein. Interessant zu sehen, wie solche Leute zusammen ‚arbeiten‘.

Fix und fertich sowie mit allerlei Soft Drinks (habe Milo für mich entdeckt!) bewege ich mich in meine Hütte. Ich gucke mir noch einen Film zu Ende an, den ich an einem der Tage zuvor nicht geschafft hatte und wälze mich danach eine ganze Weile in meinem „Bett“, ehe ich unter dem ohrenbetäubenden Lärm von Klimaanlage und Ventilator einpenne. Irgendwann nachts fällt der Strom aus und Fan sowie Air Con funktionieren nicht mehr. Was ne Scheiße hier! Der Schweiß läuft mir vom Körper und ich wache am frühen Morgen schweißgebadet in meinem Bett auf. Was für eine Hitze! Was für ein Morgen! Oh mein Gott…

Aber ich habe mein Ziel vor den Augen. Noch einen Tag geht’s in Richtung Osten, rüber nach Kamerun. Und danach nach langer Zeit mal wieder schön weiter nach Süden und Richtung Meer mit Yaoundé und Kribi als nächste Ziele. Eine lange und beschwerliche Etappe endet morgen. Das ist für die Psyche eine schöne Belohnung. Die letzten Tage waren wirklich sehr intensiv; und ich habe sehr viele Kilometer geschrubbt. Nach solchen Tagen weiß ich echt, was ich gemacht habe. Dit strengt schon etwas an…

Die Popstar-Auftritte unterwegs mehren sich. Bis Senegal hat es sich doch noch stark in Grenzen gehalten, aber ab Mali, dann Niger und jetzt Nigeria wird’s deutlich mehr. Ich merke, dass die Leute hier nicht so sehr an Touristen gewöhnt sind und dass ich hier als eine Art Alien auftrete… Ich kann jetzt besser nachvollziehen, wie sich die Promis fühlen, wenn sie sich unter Normalsterbliche mischen oder vielleicht auch die „Entdecker“ Amerikas, als sie das erste Mal den fremden Kontinent betreten hatten. Sehr spezielles Gefühl. Auf der einen Seite lustig; auf der anderen Seite auch etwas befremdlich.

Nigeria ist das Land, in dem ich den Verkehr bislang am gefährlichsten finde. Das liegt vor allem auch an der Menge der Fahrzeuge. Es ist einfach bedeutend mehr los auf den Straßen als in allen anderen afrikanischen Ländern, die ich zuvor bereist habe. Okay, 140 Millionen Einwohner sind ja auch mal eine Ansage. Es ist aber auch Fakt, dass die Nigerianer mit einem Bleifuß unterwegs sind. Ich fahre ja selbst gerne mal etwas flotter; aber das hier ist auch mir etwas zu extrem. Ich habe heute einige gefährliche Situationen erlebt. In einer (kleineren) Stadt bei Potiskum kam ich auf eine Kreuzung zu, während ein Autofahrer auf der Gegenfahrbahn auf dieselbe Kreuzung zu fährt. Weil aus der Nebenstraße ein Gespann mit zwei Ochsen ein paar Meter auf die Kreuzung rollt, macht der Autofahrer einen Riesenschlenker. Er hat einen irren Speed drauf und ich befürchte schon das Schlimmste. Passiert ist aber nix, mit quietschenden Reifen kriegt er noch die Kurve und ‚verschont‘ mich. Damn, Alder. So was kann echt ins Auge gehen! Mir wird bewusst, wie wenig mal als Motorradfahrer manchmal tun kann, um eine Katastrophe zu verhindern. Manchmal ist es einfach auch nur das pure Glück oder eben Pech, was darüber entscheidet, ob man eine kurze Schrecksekunde oder eine immerwährende Ruhepause bekommt. Wahnsinn. Aber ehrlich gesagt versuche ich, solche Gedanken weitestgehend zu verdrängen. Ich versuche einfach nur, so gut und sicher wie nur möglich zu fahren. Es gibt einen gewissen Raum, auf den ich keinen Einfluss habe. Es gibt keine totale Sicherheit. Und da hilft nur Vertrauen. Wenn ich mir ständig Gedanken machen würde, was alles theoretisch passieren könnte, kann ich gleich absteigen. Ein etwas unbehaglicher Gedanke für einen Kontrollfreak wie mich. Aber die Erkenntnis für mich ist, dass man als Motorradfahrer – egal wie gut oder sicher man fährt – ebenfalls eine ordentliche Portion Glück benötigt, um heil durch alle Lebenslagen zu kommen. Na ja, neben der Geschichte in der Stadt bei Potiskum habe ich mir selbst auch noch eine Unkonzentriertheit geleistet. In einem Dorf sehe ich eine Ziegenherde erst sehr spät und bekomme zwei der meckrigen Viecher fast unter die Räder. Ebenfalls eine knappe Geschichte, puh.

Der Schrecken steckt mir heute irgendwie in den Knochen. Im Laufe des Tages sehe ich auch eine Reihe recht frischer Unfälle. Bei einem halte ich an, weil noch Leute herum stehen. Zwei Kleinbusse (Trotros) waren an dem Unfall beteiligt und ein Kleinwagen. Alle Fahrzeuge sehen sehr verbeult aus. Kein guter Anblick. Mir wird aber gesagt, dass die Leute schon auf dem Weg in’s Krankenhaus sind. Ich kann also nix mehr tun und fahre weiter. Das sah böse aus, ach du Scheiße.


Aber auch diese Sache stecke ich nach ein paar Metern weg ins Unterbewusstsein. Keine Ahnung, wie, aber es klappt ganz gut. Es muss, sonst könnte ich mich nicht konzentrieren auf die Straße. Aber im Unterbewusstsein sind sie noch da, die Angst und der Schrecken. Junge, Junge.

Um so weiter ich rein komme nach Afrika, um so mehr fasziniert mich dieser Kontinent, die Kultur der Afrikaner. Mich packt auch ein besonderes Interesse an der Geschichte unseres „Nachbarn“ Afrika. Und es beschäftigt mich die Frage, warum geht es Afrika so beschissen? Warum kommt es nicht auf die Beine? Welche Dingen müssten sich ändern, damit es endlich mal aufwärts geht. Na ja, ist eine ziemlich komplexe Geschichte. Und es gibt sicher keine eindeutigen Antworten. Spannend finde ich aber in jedem Fall, dass es Ende des 19. Jahrhundert, 1880 um genauer zu sein, eine Konferenz in Berlin gab, „Scramble for Africa“ genannt, in der die Kolonialmächte de facto die heutigen afrikanischen Nationalstaaten auf dem Reißbrett konstruiert haben. Die Staaten, wie sie heute existieren, beheimaten keine Nationen im europäischen Sinne, sondern zum Teil die krudesten Ansammlungen verschiedener afrikanischer Stämme. Zum Teil gab es hier extrem problematische Grenzziehungen, die Stämme zwischen Ländern aufteilten oder explosive Mischungen in Nationalstaaten zusammen fassten. Well, keine leichte Geschichte, wenn man sich mal anschaut, was in Europa in den 90er Jahren auf dem ethnisch vielfältigen Balkan so los war. Die Grenzen der afrikanischen Staaten sind sicher nicht der Grund allen Übels, aber mit Sicherheit ein Faktor, der das (politische) Leben in Afrika nicht eben leichter macht. Ich frage mich manchmal, wie die ‚richtigen‘ Grenzen von Afrika eigentlich aussehen müssten, unter Berücksichtigung der Stämme, Kulturen, Sprachen und Religionen. Die Utopie dafür wäre so etwas wie eine zweite „Neu-Ordnungs-Konferenz“, bei der man es einmal „richtig“ machen müsste…

Der Alltag in Afrika sieht eher so aus:

In Nigeria herrscht ein krasser Unterschied zwischen dem islamischen Norden und dem christlichen Süden. Während einige Staaten im Norden die Scharia wieder eingeführt haben (ich bin an einigen Gerichten vorbei gekommen…), hatte sich der „Süden“ vor ein paar Jahren um die Austragung des Miss World Contest beworben. Beide Landesteile haben historisch gesehen eigentlich nix miteinander zu tun und sind mehr oder weniger zufällig zusammen gewürfelt worden. Die Gewaltexzesse in Jos, in Zentralnigeria, Anfang des Jahres, sind – soweit ich das interpretiere – eine mehr oder weniger direkte Folgeerscheinung.

In Kamerun gibt es den englischsprachigen Norden (der wohl besser zu Nigeria gehören sollte) und den französischsprachigen Süden. Der Norden bereut es wohl inzwischen sehr, im Rahmen der Unabhängigkeitsbewegung dem Anschluss an „Groß“-Kamerun zugestimmt zu haben und bemängelt eine Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Na ja, es liegt schon so einiges im Argen. Die Demokratie ist auch nicht gerade auf einem festen Fundament gebaut. In Niger wird der aktuelle Präsident immer noch vermisst. Keiner weiß, wo er wirklich steckt bzw. wann er zurückkehrt. In meinem Hotel in Niger hatte ich einmal eine Pressekonferenz der an der Macht befindlichen Militärs im Fernsehen verfolgt, in der sie erklären, dass es ‚bald‘ wieder mal Wahlen geben würde. Wann genau, dit müsst man dann ja mal noch sehen…

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