Sonntag, 27. Juni 2010

Tag 91 - Rien ne va plus

Heydee Hoh, liebes Tagebuch.

Was soll ick dir sagen? Nichts geht hier in diesem Land. Ich hänge immer noch in der Mission rum und fühle mich, mit jedem Tag der vergeht, desillusionierter und genervter. Mir fällt's immer schwerer, positiv und konstruktiv zu sein. Es ist einfach uncool, hier 'eingesperrt' zu sein und so ziemlich das Gegenteil von dem Gefühl der FREIHEIT, wonach ich mich so sehne und welches ich auf der bisherigen Reise so genossen hatte.


Klar, es gibt nach wie vor (sogar ziemlich viele) Optionen, die ich verfolgen kann, um vorwärts zu kommen. Aber nachdem so vieles schief gelaufen ist, fällt's mir immer schwerer, mich zu motivieren und "dran zu bleiben". Ist echt so eine Psycho-Falle, in der ich stecke. Selbst während der Fußballspiele kann ich mich nicht so richtig entspannen und abschalten. Ich bin irgendwie ständig aufgekratzt und einfach schlecht drauf.

Well, wie sieht's aus momentan?

Gestern habe ich Hewa Bora Airways einen Besuch abgestattet. War gar nicht so leicht zu finden der Laden hier in Kinshasa. Die Fahrt dorhin war auf jeden Fall ein Erlebnis. Ich musste durch die Straßen Kinshasas, abseits des großen Boulevards. War irgendwie witzig. Kam mir vor, wie Präsident Mobutu auf einer seiner Jubeltouren (als er noch etwas beliebter war). Überall Jubelschreibe, Heys und Hohs. Konnte mir ein Lachen nicht verkeifen. Ist schon verrückt hier. Na ja, nach einer Weile hatte ich die Headquarters von Hewa Bora gefunden, allerdings wollte ich ja zur Cargo-Abteilung, was sich als ziemlich kompliziert rausstellte. Okay, nach einer Weile hatte ich's dann gefunden. Ich hab mein Anliegen erklärt und gleich mal ein Kopfschütteln geerntet. Zumindest durfte ich nochmal rauf auf die Waage mit meinem Mopped. 325 Kilo. Bumm. Well, hab mich mit den super netten Leuten von Hewa Bora noch eine ganze Weile unterhalten. Sie akzeptieren ein Maximalgewicht von 100 Kilo bei der Cargo. Also keine Chance. Aber ein portugiesischer (!) Mitarbeiter hat gleich mal den Kontakt hergestellt zu einer anderen, auf Cargo spezialisierten Airline, Service Air. Dort könnte es womöglich klappen mit einem Flug nach Lubumbashi. Am nächsten Dienstag. Wir haben vereinbart, dass ich mit ihnen am Sonntag noch mal telefoniere, um die Details abzuklären.

Okay, das ist also eine Option. Gefällt mir aktuell am besten. Mopped mit dem Flieger nach Lumbumbashi transportieren, und dann weiter nach Zambia. Hab mal im Web versucht, was über diese Airline zu finden. Das einzige, was ich gefunden habe, war ein Forum, in dem sich Berufspiloten über diverse Airlines austauschen. Was sie zum Thema Service Air zu sagen hatten, war nicht gerade ermutigend, aber da drücke ich inzwischen gerne mal beide Augen zu. Scheint ein unblaublicher Saftladen zu sein, aber wenn sie mein Mopped für einen akzeptablen Preis runterfliegen, soll es mir recht sein.

Sorgen mache ich mir wieder mehr über diesen beschissenen Feiertag nächste Woche. Die "50 Jahre Unabhängigkeit" Feier gibt's am Mittwoch. Ich habe schon von einigen Seiten gehört, dass deshalb mit massiven Einschränkungen in der kompletten nächsten Woche zu rechnen sei. Z.B. ist der Flugverkehr nicht nur am Mittwoch, sondern auch am Dienstag (!) und Donnerstag eingeschränkt bzw. komplett gestoppt.

Die Scheiße ist, dass ich soviel höre und von so wenig wirklich weiß, ob es stimmt. Gerüchte über Gerüchte. Und nach meinem bisherigen Glück zu urteilen, kann ich mir einfach nur zu gut vorstellen, dass die negativen Infos stimmen, und die positiven Infos sich in Rauch auflösen... Menno...

Well, was ist mit Option 2, Muanda? Ich habe gestern mit Francois telefoniert, dem Typen aus dem Konsulat. Er schien sich zu freuen, dass ich anrufe und hat sich auch an mich erinnert. Soweit ich ihn verstanden habe, ist der Konsul noch nicht zurück. Aber er hat mir versprochen, dass er mich zurück ruft, sobald es soweit ist. Well, Leute, mit denen ich darüber gesprochen habe, meinten, dass es ziemlich unwahrscheinlich sei, dass der Konsul seinen Arsch nächste Woche (Unabhängigkeitsfeier) nochmal nach Muanda bewegt. Fuck it! Außerdem vertraue ich auch nicht gerade auf Francois' Proaktivität, mich zu informieren bzw. sich überhaupt einen Scheiß darum zu kümmern, ob ich mein Visum bekomme.

Okay, Michael, der Engländer, hatte mir Freitag in Aussicht gestellt, den Kontakt zum Angolanischen Botschafter herzustellen. Das wäre ein Hoffnungsschimmer in Sachen "normaler Visumsprozess" in Kinshasa...

Die Option, ohne Mopped einfach runter zu fliegen nach Südafrika und die Spiele anzugucken, habe ich wieder verworfen. Das ist irgendwie nicht das, was ich will, und ich glaube, dass ich mich auch nicht wohl fühlen würde unten als "Tourist", der mit Bahn und Bus durch die Lande reist. Ich will es zurück, das Gefühl der Freiheit. Und dafür kämpfen!

Dieser Entschluss bedeutet auch, dass ich die Tickets definitiv zurückgebe (zumindest für den 28.6. und den 3.7. auch). Und da gestaltet sich der Fifa-Prozess zum Wiederverkauf der Tickets als ordentliche Zitterpartie. Immerhin geht es um insgesamt 1000 US Dollar. Ich bin mittlerweile gar nicht mehr so traurig, die beiden Spiele nicht live sehen zu können, sind ja "nur" das Achtelfinale zwischen Holland und der Slowakei sowie das Viertelfinale zwischen den Urus und Ghana. Aber die Kohle würde ich schon ganz gerne wieder bekommen. Ich habe die Tickets zum Wiederverkauf eingestellt, aber ihr Status ist immer noch unverändert. Oh Mann, hoffentlich gehen die noch raus...

Die unausweichlichen Gespräche mit den anderen Bewohnern der Mission über meine Visumssituation haben noch eine neue Option ergeben, an die ich bislang eigentlich überhaupt noch nicht (ernsthaft) nachgedacht habe. Tatsächlich mit dem Bike durch den Kongo zu fahren, runter nach Lubumbashi. Ich weiß, dass Simon und Hansi diese Option mal gecheckt hatten im Web, und dabei einen Blog von zwei Aussis oder Amis gefunden hatten, die 15 Tage auf dieser "Höllen-Strecke" unterwegs waren. Wahrscheinlich war das der Grund, warum ich mich damit nicht weiter beschäftigt hatte. Andererseits habe ich inzwischen Berichte (mehr oder weniger glaubwürdig) gehört, dass die Strecke gar nicht so schlecht sei und (in einem Auto) in ca. drei Tagen (!) geschafft werden könnte. Well, die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Und ich muss mir überlegen, ob es für mich in Frage kommt, diese Sache (Anstrengung, Risiko, Zeit) in Angriff zu nehmen. Auf jeden Fall wäre das eine Option, um aus dieser Starre und Lethargie, in der ich mich momentan befinde, wieder raus zu kommen - und zwar sofort...

Wer sind meine aktuellen Buddies in der Mission? Well, mit Leone, der UN-Mitarbeiterin mit Spezialität Wahlvorbereitung und -durchführung, die zum Ende ihrer Karriere kurz vor der Pension nochmal unbedingt in den Kongo wollte, habe ich eine Reihe interessanter Gespräche geführt. Sie ist echt cool, hat eine Menge erlebt und interessante An- und Einsichten. Dustin und Barbara hängen hier auch noch rum und wir gucken meist gemeinsam Futte. Patrick ist wieder zurück aus Lubumbashi. Er hat einiges zu erzählen über seine Erlebnisse dort unten und die Mining Companies. Und hoffentlich drückt er jetzt - nachdem die Schwyzer aus dem Turnier geflogen sind - den Deutschen die Daumen. Mit den permanenten Residents bzw. Angestellten (so genau kann ich die alle gar nicht auseinander halten) komme ich auch immer mehr in Kontakt bzw. in Gespräche. Ich fühle mich schon ein bisschen wie ein Teil des Inventars hier in der Mission. Yep.

Gerade hat nochmal Leone an mein Fenster geklopft und mir bewusst gemacht, dass es nicht unbedingt die äußeren Umstände sind, die für mein aktuelles Gefühl verantwortlich sind. Ich bin in letzter Konsequenz selbst dafür verantwortlich, wie ich mit der Situation hier umgehe und was ich daraus mache. Es ist eine Sache der Selbstdisziplin. Ich habe die Möglichkeit, mich hängen zu lassen und richtig zu kotzen. Ich kann es aber auch als Erfahrung verbuchen und positiv/konstruktiv bleiben.

Ich glaube immer mehr daran, dass mein Aufenthalt in der DRC und vor allem natürlich die Geschichte mit dem Angola-Visum so eine Art Test für mich ist. Ob mit oder ohne versteckten Kameras - keine Ahnung. Am Freitag war ich echt am Ende mit meinen Nerven. Vielleicht schaffe ich es aber doch noch, diesen "Test" zu bestehen? Der Ausgang ist offen ;-)

Well, egal was auch passiert. Heute ist Achtelfinale!!! England - Deutschland. Was für eine brisante Ansetzung. Oft werden die Spiele, auf die man sich besonders freut, dann erst recht langweilig und öde. Aber das ist egal. Heute Abend wird es eine Nation geben, die auf Wolke 7 schwebt, eine andere, die in Tränen aufgelöst ist. So ist Fußball. Auch wenn ich den Engländern mal gönnen würde, was zu reißen bei einem Turnier, möchte ich natürlich lieber, dass die Deutschen weiter kommen.

Ich hoffe, dass ich das Spiel gesundheitlich gut überstehe. Ich glaub, ich mach vorher nochmal ein kurzes Nickerchen, um meinen Kreislauf runter zu fahren ;-)

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