Mittwoch, 23. Juni 2010

Tag 86 - Und wieder mal Kinshasa

Boah, das war dann wohl wieder nix. Bin am Montagnachmittag wie verabredet hin zum Angolanischen Konsulat in Muanda. Ich hab mir wie immer die ‚akademische Viertelstunde‘ genehmigt und war dann ‚cum tempore‘ pünktlich um 1545Uhr am Konsulat. Der Typ von der Security begrüßt mich gleich mal mit einem Kopfschütteln. Ich sollte doch um 1530Uhr wieder kommen, jetzt wäre es schon 1555Uhr (geht meine Uhr falsch,  oder was?). Okay, Keule, was willst du mir jetzt damit sagen? Dass ich den ganzen beschissenen Tag in Muanda umsonst gewartet hab, oder was? Ich fass es nicht, aber genau das ist die Message! Der Typ geht nochmal in’s Gebäude, kommt nach einer Weile wieder raus und sagt mir, dass das Büro jetzt geschlossen sei und der Typ, mit dem ich am Vormittag geredet hatte, inzwischen nach Hause gegangen ist.


Well, jetzt reicht’s. Jenuch is jenuch. So lasse ich mich jetzt nicht abfrühstücken. Ich hab einen – enorm – dicken Hals und erkläre dem Security-Freak, was Sache ist. Es ist echt zum Kotzen. Diese Wichser haben sowieso den ganzen Tag über nix zu tun, weil El Cheffe nicht da. Und wenn die Katze aus’m Haus ist, tanzen die Mäuse auf den Tischen. Okay, kann ich ja alles wunderbar verstehen. Aber das der Typ vom Vormittag sich einfach so nach Hause verpisst, ohne wenigstens eine Nachricht zu hinterlassen, finde ich schon extrem abartig. Ich hatte ihm ja lang und breit meine missliche Situation erklärt, und ich hatte schon das Gefühl, dass er es verstanden hatte. Jetzt sagt mir der Security Typ, ich solle doch morgen früh wieder kommen. Aha, nochmal 120 Dollars für ein beschissenes Zimmer investieren, noch einen Tag verlieren? Und das nur, um zu erfahren, wann dieser beknackte Konsul gedenkt, wieder zur Arbeit zurück zu kehren? Scheiße, Alter! Na ja, ich mache jedenfalls eine Menge Wind und gebe mich nicht zufrieden. Ich will die Adresse des Typen, mit dem ich am Vormittag geredet hatte, oder wenigsten die Telefonnummer. Kann ja wohl nicht so schwierig sein, diese simple Information zu übermitteln, oder? Okay, es dauert und dauert. Aber noch 30-45 Minuten geschieht das Wunder: der Typ vom Vormittag steht mir plötzlich gegenüber. Also doch wieder da. Toll! Well, dann geht’s sehr schnell. Ich brauche bloß einen Satz hören. Er beginnt mit „malheurissment“ (sorry für die französische Rechtschreibung). Der Konsul kommt erst am Freitag oder Samstag wieder. D.h. ich kann den Visumsantrag (dauert normalerweise hier für Transitvisa zwei bis drei Tage) frühestens am Montag nächster Woche abgeben. Das Visum hätte ich dann frühestens am Mittwoch oder Donnerstag. Okay, das ist doch alles, was ich hören wollte. Bemerkenswert finde ich, dass die Übermittler schlechter Nachrichten immer ein breites Lächeln auf dem Gesicht haben. So war es heute, so war es auch schon am Freitag in der Botschaft in Kinshasa. Hmm, ich muss mich ein bisschen zusammen reißen, um mich dadurch nicht provoziert zu fühlen. Aber mittlerweile begreife ich allmählich, dass das Lächeln auch nicht provozierend gemeint ist. Ist eine Mentalitätssache, denke ich mal – und sicher gewöhnungsbedürftig… Genauso wie die Szenen, die ich auf meiner Anreise nach Muanda am Sonntag beobachtet hatte. Sonntag ist offenbar ‚Beerdigungstag‘. Ich hatte in einigen Städten gesehen, wie eine Menschenmenge auf der Straße entlang läuft. Sie trugen einen Sarg die Straße entlang. Aber es war nicht wirklich eine Trauerprozedur. Die Menge machte stattdessen eher eine „Party“! Sie sangen, tanzten, lachten – schienen fröhlich zu sein. Eine ziemlich makabre Situation – in meiner Sichtweise als Europäer… 

Okay, im Konsulat bedanke ich mich fast überschwänglich für die (eigentlich total beschissene) Information, die gerade erhalten hatte. Ich weiß jetzt, dass der Weg nach Muanda umsonst war und dass ich wieder zurück fahren werde nach Kinshasa. Ich lasse mir die Telefonnummer von Francois geben, der Typ, mit dem ich geredet hatte. Wer weiß, ob ich nicht noch einmal hier zurückkehre(n muss). Der Security Typ ist offenbar der Meinung, dass er sich durch seinen Service (?) ein Trinkgeld verdient hätte und fragt mich danach. Ich gucke ihn ungläubig an, kann mir ein bitteres Lächeln nicht verkneifen, packe meine Sachen und fahr los.

Ich fühle mich aber insgesamt nicht wirklich angepisst. Ich weiß, dass ich mein möglichstes getan habe, in dem ich Muanda probiert hab. Klar, ich hätte wohl besser mal versuchen sollen, vorher anzurufen. Dann hätte ich mir womöglich die 1200 Kilometer und zwei verlorene ‚Business Tage‘ sparen können. Aber ich beruhige mich damit, dass ich höchstwahrscheinlich sowieso niemanden an’s Telefon bekommen hätte. Ich erinnere mich an meine zahlreichen Versuche, in der Anfangsphase meines Angolanischen Visumantrags in Berlin die Angolanische Botschaft per Telefon zu erreichen. Aussichtslos. Hab dann relativ bald mit diesen törichten Versuchen aufgehört…

Na ja, sei’s wie’s is. Es war mittlerweile 1630Uhr, und ich wollte am Montagabend wenigstens noch den schwierigen Abschnitt zwischen Muanda und Boma schaffen, damit ich morgen nicht wieder so einen Höllenritt vor mir hab. Ich schreibe Nina noch eine SMS und kündige an, dass ich mir demnächst wohl eine Angola-Flagge besorgen werde und diese solange zum Arschabwischen benutze, bis ich das Visum endlich habe. Muss mir bloß noch überlegen, wie ich die Kackfahne dann in geeigneter Form an eine Angolanische Botschaft oder ein Konsulat übergebe. Per Post oder persönlich? Hmm, vielleicht per DHL, die sind ja auch ziemlich groß hier unten in Afrika und können bestimmt solch wichtige Sendungen zuverlässig und ‚in time‘ liefern.

Ich hatte mich am Sonntagabend nicht getäuscht: der Weg zwischen Boma und Muanda ist einfach beschissen, zumindest für Moppedfahrer. Es gibt weite Abschnitte mit viel losem Sand, und ich nehme das als weitere Gelegenheit, meine Skills im Sandfahren zu verbessern. Mittlerweile habe ich den Wert der Hinterradbremse begriffen. Auf dem Asphalt benutze ich sie praktisch nie – allenfalls im Schritttempo, wenn ich versuche, so langsam wie möglich zu schleichen. Im Sand jedoch ist sie unverzichtbar, und ich konnte auf der Fahrt am Montagabend schön üben. Finger weg von der Vorderbremse und immer den rechten Fuß auf der Hinterradbremse haben. Ganz schöne Umgewöhnung. Aber auf die Hinterradbremse kann ich praktisch im Sand volles Rohr drauf gehen, ohne das Bike zu destabilisieren. Well, wieder was gelernt. Trotzdem dauert die Fahrt gen Boma wieder fast vier Stunden. Zumindest den ultra hardcore Teil (die ersten 20-30 Kilometer ab Muanda) konnte ich heute mal im Hellen fahren, was schon mal wesentlich angenehmer war als gestern. Ca. 30 Kilometer vor Boma war’s dann stockduster. Junge, Junge. Ich schaff’s auch jedes Mal, mich in eine ‚herausfordernde‘ Situation zu bringen.






Eine neue großartige Begleiterscheinung auf meinen Fahrten durch die DRC sind die Feuerchen, die am Straßenrand lodern. Irgendwie scheint das hier die bevorzugte Methode zum Rasenmähen zu sein, was weiß ich. Im Dunkeln sieht es ganz putzig aus, wenn am Horizont diese Feuer aufscheinen. Ich hab’s aber auch schon überlegt, dass mich in einer schlecht einsehbaren Kurve plötzlich eine Wand aus Qualm und Funken erwartet. Die kennen da kein Pardon und fackeln das Gestrüpp ab, ohne Wenn und Aber. Hatte schon einige Male richtig Angst, dass meine Motorradklamotten (Polyester!) Feuer fangen. Abgesehen davon, dass es in den Augen brennt wie Sau und ich nix sehe… Es wird echt nie langweilig auf der Reise…

Aber ich schaffe es – wenn auch ziemlich erschöpft und müde – unbeschadet bis nach Boma. Fast… Mir geht die ganze Zeit durch den Kopf, dass das Spanien-Honduras Spiel bereits angefangen hat, und ich würde mich gerne damit belohnen, zumindest noch die zweite Halbzeit gucken zu können. Kurz nach dem Ortseingang von Boma sehe ich dann auch die erhoffte Menschenmenge vor einem Fernseher, der am Straßenrand aufgebaut ist. Ich halte an, dreh meinen Rüssel in ihre Richtung und versuche, irgendwas auf dem Bildschirm zu erkennen. Dummer Junge. Ich merke nicht, dass der Untergrund hier ziemlich geneigt ist. Ich drehe mich noch weiter um. Und dann merke ich, dass ich mich vielleicht zu sehr gedreht hab. Die Maschine neigt sich zur Seite und ich versuche mich mit dem rechten Fuß gegen zu stemmen. Aber ich hab‘ keine Power mehr heute Abend. Voila. Umfaller Nummer 5. Wie sollte es anders sein, natürlich auf die rechte Seite. Aua. Na ja, mittlerweile fast schon Routine. Ich mache mir keine Sorgen um’s Bike. Die schwarze Prinzessin ist das ja schon gewohnt. Aber wieder mal einer super peinliche Aktion. Die Leute aus der Menge gucken natürlich nicht schlecht, aber zumindest gibt’s keine höhnischen Kommentare oder so. Okay, Bike aufrichten. Ich brauche Hilfe, aber der hoffnungslos verpeilte Typ, den ich deswegen anspreche, ist einfach zu blöd. Irgendwie schaffe ich es dann aber doch mit seiner Hilfe und der Hilfe eines Straßenpolizisten, der durch die Situation angezogen wurde, das Bike wieder hoch zu hieven.  Aber auch der Bullizist scheint von einem anderen Stern zu sein. Er meint, er könne Englisch, also versuche ich, mit ihm Englisch zu reden und ihm begreiflich zu machen, dass er bitte das Bike halten solle, damit ich um das Mopped herumgehen und es auf den Seitenständer stellen kann.  Nix comprende. Aber mit viel Zeichensprache rafft er’s dann doch noch. Er fragt mich „do you drink“? Und ich krieg mich nicht mehr ein. Er glaubt, dass ich im Suff unterwegs bin und herum torkele. Ist das hier „Verstehen Sie Spaß?“ oder was. Wo sind die versteckten Kameras? Na ja, alles halb so wild. Ich kauf mir erst mal wat zu Trinken und stecke mir ne Kippe an. Dann versuche ich mir den Weg durch die Menge zu bahnen hin zum Fernseher. Wie steht’s denn nu eigentlich? Aber die surreale Situation vervollständigt sich, als ich sehe, was die Leute hier eigentlich gucken. Ist auf jeden Fall nicht Fußball. Sondern so eine Art Soft Porno. Und Jung und Alt scheinen sich prächtig zu amüsieren, auch die Kids. Irre, dieses Land ist echt irre. Aber ich mag es irgendwie ;-)

Okay. Ich lasse mir von den Leuten ein Hotel empfehlen. Boma ist ein ziemlich großes Städtchen, hab ich den Eindruck. Zwar nicht vergleichbar mit Matadi oder gar Kinshasa, aber auch kein kleines Nest.

Das Hotel meiner Wahl ist das „Titi Espoir – Nkuangilalele“. Auch wen ich mir bestimmt fünfzehn Mal den Namen sagen lasse, muss ich es letzten Endes aufschreiben lassen. Wie kompliziert kann ein Name sein? Na ja, auf jeden Fall ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass es noch ein zweites Hotel mit gleichem Namen gibt…

Das Hotel ist ganz nett, die Leute sind cool, mit 70 Dollars zwar kein Schnäppchen, aber immer noch besser als die Hotels in Muanda. Irgendwie bin ich ganz schön überdreht. Nachdem ich mein Mopped auf dem Parkplatz des Hotels abgestellt hab, hole ich in einer leicht verrückten Euphorie meine Deutschlandfahnen, die ich in Kinshasa gekauft hatte, raus und hisse sie auf dem Mopped. Leckt’s mi do oam Oarsch! Ich nehm’s wie’s kommt. Ist zwar eine ganz schöne Scheiße, aber passt schon…


Ich ziehe mir noch ein paar Folgen Lost rein, ratze dann und wache ziemlich verkatert auf. Fühle mich erkältet und ziemlich schlapp. Aber nützt nix, ich muss weiter nach Kinshasa. Es dauert eine Weile, bis ich aus dem Hotel ausgecheckt habe. Ich bekomme keine Kohle an den Geldautomaten der Stadt und muss mal wieder ein paar meiner geliebten Euronen abdrücken.







Um halb zehn breche ich dann schließlich auf. Es ist noch eine lange Strecke zurück nach Kinshasa, ca. 460 Kilometer… Mit fällt’s heute relativ schwer, voran zu kommen. Ich fühle mich nicht fit, und die Strecke zieht sich.

Um kurz nach zwölf habe ich die 120 Kilometer von Boma nach Matadi geschafft und mache eine Pause zum Cash abheben, Futtern, Tanken und Telefonieren. Das Telefonat mit Nina bzw. die vielen Telefonate ziehen sich in die Länge. Entweder bricht die Verbindung ab, oder der Kredit ist mal wieder abgelaufen und ich muss beim Checker nebenan aufladen gehen. Die Qualität der Verbindung ist auch nicht gerade erste Sahne, und wir müssen unsere Sätze immer wieder wiederholen, bis der andere es auch ansatzweise verstanden hat, was wir sagen wollten. So ist Telefonieren kein Zuckerschlecken. Und dabei ist es so wichtig, dass wir wieder einmal so ‚richtig‘ miteinander reden. Ich verdränge  zu leicht angesichts meiner eigenen Probleme, die ich hier unten habe, dass es auch noch eine andere Realität gibt. DIE Realität, zu Hause. Und in dieser Realität gibt es Ängste und Sorgen, Einsamkeit und das Gefühl von Verlassensein, vielleicht auch hin und wieder eine Portion Wut und Unverständnis. Ich kann es verstehen, gut verstehen. Und ich stecke in einem Dilemma. Warum mache ich diese Reise? Warum ‚klinke‘  ich mich ein halbes Jahr aus und lasse den Menschen, den ich liebe, allein?  Ich kann keine Antwort aussprechen. Es gibt da aber dieses Gefühl im Bauch, dass mir sagt, dass ich diese Reise machen MUSS. Das es richtig ist. Und das es gerade deswegen richtig ist, weil es alles andere als leicht ist.  Und, für mich steht die Reise in keinem Widerspruch zur Liebe. Im Gegenteil, sie ist ein Teil davon, ein essentieller, notwendiger Teil. Aber wie kann ich das verständlich machen, wenn ich selbst nicht einmal richtig begreife?

Well, es ist halb zwei. Und ich setze meinen Weg fort, von Matadi nach Kinshasa. Zum nun mehr vierten Mal geht’s auf die 360 Kilometer. Ich weiß, dass die Strecke zurück nach Kinshasa etwas schwieriger ist, der Straßenbelag auf dieser Seite ist einfach welliger und schlechter. Ich will vorsichtig fahren; ich möchte – was auch immer passiert –nicht ein weiteres Opfer auf irgendeiner blöden Unfallliste sein. Das ist erst mal das Wichtigste, und darauf muss ich mich konzentrieren. Wenn ich was gelernt habe bislang, ist es, das es absolut nicht geht, ‚emotional‘ zu fahren. Auf dem Mopped muss ich 100% konzentriert sein; ich darf weder abgrundtief traurig oder himmelhochjauchzend fröhlich sein. Diese Gefühle sind auf dem Bike absolut gefährlich. Ich genieße das ja auch gerade. Dieses unbeschreibliche Flow-Gefühl, was es in mir auslöst, einfach zu fahren. Abzuschalten und mich einzig und allein auf das Motorrad und die Straße zu konzentrieren. Und dabei die vielen Informationen um mich herum aufzusaugen, zu verarbeiten und in die entsprechenden Hand- und Fußbewegungen zu ‚übersetzen‘. Es gibt kaum etwas besseres…

Heute geht’s aber wie gesagt schleppend vorwärts. In Songololo mache ich nochmal eine Pause, mir tut der Arsch weh und ich hab Durscht. Dann geht’s weiter. Nochmal knapp 120 Kilometer bis Mbanza-Ngungu. Ich beschließe, hier eine weitere Pause zu machen und eine Location zu suchen, wo ich den Rest der zweiten Halbzweit der Gruppe A Vorrundenspiele anschauen kann. In einem Hotel werde ich auch fündig. Ich sehe, wie die Franzosen ihr Waterloo erleben. Ich bin einigermaßen geschockt. Wie kann eine Mannschaft mit so großartigen Einzelspielern so eine grottenschlechte WM spielen? Einfach katastrophal. Aber wenigstens kommen die Südafrikaner nochmal zu einem Erfolgserlebnis, auch wenn es zu spät ist. Ich kotze ein bisschen, weil es null Infos zum anderen zeitgleich stattfindenden Spiel zwischen Uruguay und Mexiko gibt. Ich überlege auch die ganze Zeit, wie eigentlich die Regeln ausschauen bei Punktgleichheit in den Gruppen. Zählt dann das Torverhältnis oder der direkte Vergleich? Es wurmt mich irgendwie. Das muss ich doch wissen, Mann! Na ja, die Leude hier meinen auf jeden Fall, dass Südafrika und Frankreich raus sind. Ein bisschen deprimierend. Ich hätte es beiden Teams gewünscht, weiter zu kommen. Aber so isset halt im Leben, ähem, im Fußball, meine ich natürlich…

Juti, ich hätte vielleicht besser überlegen sollen, wo und vor allem wie lange ich anhalte. Es ist 1700Uhr, als ich weiter fahre. Und es sind noch knapp 150 Kilometer. Schöne Scheiße. Ich werde – wieder einmal – im Dunkeln ankommen. Und das heute, wo ich ja eigentlich besonders sicher fahren wollte. Und dann noch rein nach Kinshasa, das wird bestimmt nicht angenehm. Ich bemühe mich, so viele Kilometer wie möglich im Hellen zu machen und komme noch bis zur Peage-Station, ca. 40 Kilometer vor Kinshasa. Wenigstens.

Der Weg rein nach Kinshasa ist dann aber tatsächlich die pure Hölle. Tagsüber war hier nicht so viel los, aber abends geht die Post ab. Stau ohne Ende, Smog, Abgase, Staubwolken. Dazu entgegen kommende Kamikaze-Fahrer. Ständig bekomme ich Lichthupe gezeigt. Ich kann nur mit offenem Visier fahren, weil ich sonst nichts sehe. Ständig kriege ich irgendein Fliegen-/Mücken-/Weiß-der-Geier-was-Geschmeiss in die Augen. Voll Kacke, voll anstrengend. Aber es klappt.

Ich komme kurz vor halb acht auf den Boulevard, in der City. Und ich habe das Gefühl, wieder ‚zu Hause‘ zu sein, als ich den Boulevard hinab cruise. Wie gesagt, vielleicht ist der ganze Stress mit dem Angola-Visum ja auch eine Art ‚Bestimmung‘ und ich soll (?) hier in der DRC, in Kinshasa, sein. Wer weiß. Auf jeden Fall freue ich mich schon, wieder in die Mission einzuchecken. Komisch, gel? Ich fahre die vertrauten Straßen lang und auf das Gelände der Mission. Puah, geschafft.

Ich hatte von Matadi aus den Priester angerufen, der mir in Kin schon beim Kauf der Batterie geholfen hatte. Er hat dann die Zimmerreservierung für mich gemacht. Mir fiel dennoch ein ziemlicher Stein vom Herzen, als ich den Zimmerschlüssel tatsächlich (bei der Schlafmütze an der Bar) bekommen hab. Ich lade meinen Kram ab, dusche das erste Mal seit ein paar Tagen und begeb mich dann in die Bar. Es läuft die zweite Halbzeit zwischen Nigeria und Südkorea. Wie es ausschaut, fliegt hier und jetzt die nächste afrikanische Mannschaft aus dem Cup.

Ich führe nochmal ein langes Skype-Telefonat mit Nina, in dem endlich mal wieder ‚richtig‘ und ohne Zeitdruck reden können. Meine Bekannten aus der Mission trudeln nach und nach ein. Und immer wieder muss ich meine Geschichte von der erfolglosen Fahrt nach Muanda wiederholen. Auf der einen Seite nervt es und strengt an. Auf der anderen Seite tut es aber auch irgendwie gut, es wieder und wieder loszuwerden und ein bisschen ‚Trost‘ einzuheimsen… Und dann geht's ab in's Bettchen. Das Kruzifix nochmal schön gerade rücken und aus das Licht. Bonne nuit.

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