Mittwoch, 23. Juni 2010

Tag 85 – Muanda: Tolle Landschaft, unglaubliche Abzocke und immer noch kein Visum

Nachdem ich am Samstagmorgen meinen Entschluss gefasst hatte, meine Visumsodyssee in Muanda statt in Kinshasa fortzusetzen, stand Abschied Nummer 2 auf dem Programm. Zum ersten Mal habe ich deshalb am Samstagnachmittag meinen beleibten Körper die Stufen zum Dach der Mission hinauf geschleppt, um die Aussicht von dort oben zu genießen. Ist zwar nicht der chilligste Ort, den man sich vorstellen kann, aber das Panorama ist schon sehr nett. Ich hab’s sowieso extrem spät gerafft, dass wir hier in unmittelbarer Nähe des Congo River wohnen. Aber auch „Downtown“ ist nur einen Steinwurf entfernt. Die Lage der Mission ist einfach perfekt für solche armen Seelen wie mich, die eine unbestimmte Zeit in Kinshasa verbringen müssen, um beispielsweise ein Visum zu beantragen…



 


Ansonsten stand am Samstag nur noch Chillen, auf Sonntag vorbereiten sowie Futte und Lost gucken auf dem Programm. Ich habe in der Mission ausgecheckt und meine Rechnung über 240 US Dollar (40 pro Nacht) beglichen. Ziemlich korrekt würde ich sagen.



Well, ich hatte mich zum Schluss auch ziemlich wohl gefühlt in der Mission. Nicht, dass ich die Abläufe hier mittlerweile ansatzweise verstanden hätte, aber ich hatte zu den meisten Angestellten bzw. Leuten, die hier einfach rumhängen (so leicht kann man das nicht auseinander halten) ein sehr gutes Verhältnis, und praktisch alle wussten über meine Situation Bescheid. Am Freitag oder Samstag hatte ich sogar mal die Gelegenheit, aus meinem Selbstmitleid und Egoismus ein wenig rauszukommen. Bernadett, eine Nonne aus dem Schwarzwald, lebt irgendwie im Ost-Kongo mitten im Dschungel und kommt einmal im Jahr nach Kin, um Sachen zu organisieren. Sie hängt auch in der Mission rum und schläft dort mitunter auf dem Boden.     Sie zieht also ne ganz harte Nummer durch. Nun, ich hatte in meiner Butze zwei Matratzen und konnte ihr eine abgeben…

Well, zwei Wochen sind aber auch definitiv genug, 6 Nächte auf der Wiese und 6 weitere Nächte in meinem Zimmerchen, und ich bin froh, endlich wieder etwas „tun“ zu können und nicht nur zu warten.

Am Sonntag, den Tag meines Abschieds, habe ich das erste Mal geschafft, pünktlich zum Frühstück im Essenssaal der Mission aufzutauchen. Es stand ja auch einiges bevor, immerhin wollte ich die Strecke nach Muanda an einem Tag schaffen. Die 350 Kilometer bis Matadi kenne ich ja mittlerweile in- und auswendig, so kommt’s mir jedenfalls vor. Mir war noch nicht klar, wie ich von Matadi wieder über den Congo River kommen würde. Gibt es da eine Fähre oder vielleicht doch ne Brücke? Nach Matadi standen dann nochmal zwei weitere Etappen auf dem Programm. Matadi-Boma, soweit ich es verstanden hatte eine Piste de Terre, also Dirt Road, 120 Kilometer, und dann nochmal zum Abschluss 95 Kilometer von Boma nach Muanda, auf einer neuen „sehr guten“ Straße. Dass ich da etwas verwechselt hatte, sollte ich später noch deutlich merken…

Na ja, Sachen gepackt, von den Leuten verabschiedet, etwas Öl nachgefüllt, nochmal zur Bank und zur Tanke. Um ca. zehn Uhr war ich ‚on the road‘ gen Matadi. Zum dritten Mal diese Strecke. Schon beim ersten Mal ist mir aufgefallen, wie schön Kongo eigentlich ist. Ich mag die Gegend, die bewaldeten Hügel, das bisschen Dschungel, den man in diesem Teil des Landes nur erahnen kann und über allem der mächtige Strom der sich seinen Weg gen Westen bahnt. Und, es ist ein geiles Gefühl, wieder auf der Maschine zu sitzen und fahren zu können. 98 Pferdestärken unter’m Arsch; zurück auf der Piste; endlich wieder Gas geben. Ich hatte schon einige Sorgen, wie es heute laufen würde. Immerhin war ich zwei Wochen praktisch ‚auf der Couch‘. Außerdem steckt die Geschichte mit Mikey im Hinterkopf.

Aber ich habe mich wohl gefühlt auf der Straße heute. Fit und konzentriert. Die 350 Kilometer bis Matadi hatte ich in knapp viereinhalb Stunden abgerissen. Ich hatte mir noch überlegt, ob ich vielleicht nochmal in ‚meinem alten‘ Hotel oder vielleicht sogar in der Polizeibutze, wo ich den vorvergangenen Samstag verbracht hatte, vorbei schaue. Aber was hätte es gebracht? Ich hatte ja noch ein Stückchen vor mir und beschloss, lieber Gas zu geben.



Gott sei Dank gibt’s tatsächlich ne Brücke, kurz nach Matadi in Richtung Boma. Ich hätte es kaum für möglich gehalten. Immerhin ist der Congo nicht gerade ein kleines Fließ. Und, die Brücke vor dem Hafen (in Richtung Meer) zu bauen, finde ich auch ziemlich komisch. Ist mir aber auch scheißegal, auf jeden Fall konnte ich für 1000 Franc die Brücke passieren und war drüben. Jetzt sollte bald die Dirt Road anfangen, gel? Well, die Straße wurde schlechter, als sie es auf dem Weg von Kin nach Matadi ist. Aber Dirt Road? Dirt Road war’s dann auch nicht. Viele Schlaglöcher und zwischendurch mal Sand, aber in zweieinhalb Stunden war ich durch und in Boma.



Mittlerweile war’s halb sechs und mir dämmerte, dass ich es wohl nicht mehr im Hellen nach Muanda schaffen würde. Aber es hatte mich mal wieder gepackt, und ich wollte weiter. Noch ging ich ja davon aus, dass die Straße von nun an wieder toller Teer sein würde. Well, lag ich daneben. Die Dirt Road begann jetzt, ich hatte die Info beim Frühstück verdreht. Noch 95 Kilometer. Hmm. Na ja, bis ca. zur Hälfte hatte ich noch etwas Licht, und die Dirt Road war gar nicht so übel. Die zweite Hälfte (ohne Licht) war schon etwas unangenehm, zumal die Piste immer sandiger wurde. Die letzten 20-25 Kilometer waren dann eine regelrechte Qual. Ich hatte das Gefühl , auf nem Strand an der Ostsee unterwegs zu sein. Feinster Dünensand, härrlich zum Picknicken, Scheiße zum Moppedfahren. Hab dann auch für diese 20 Kilometer mehr als eine Stunde gebraucht und war ordentlich ‚im Arsch‘, als ich um neun in Muanda ankam. Meine Hände haben sich nach der heutigen Tour auch wieder ‚zurück gemeldet‘. Sie tun praktisch genauso weh, wie nach den Dirt Roads in der Republik Kongo. Ich hoffe mal, ich bekomme jetzt nicht die Gicht oder so’n Scheiß… Das Motorschutzblech, dessen Schrauben Simon in Kinshasa geklebt hatte, hielt prächtig. Auch wenn ich nicht vor hatte, es weiteren Prüfungen zu unterziehen, gab’s einige heftige Schläge unten drauf. Aber alles noch bestens, thanks, Simon!

Auf ner großen Leinwand wurde das Spiel Brasilien – Elfenbeinküste übertragen und ich hab noch das 3:1 durch Drogba gesehen. Trotzdem wieder mal ein desaströser Tag für den afrikanischen Fußball. Mann, Mann, Mann.

Auch in der Stadt waren die Straßen nicht besser. Sand, wohin ich sah. Toll. Einer von den Jungs, mit denen ich am Straßenrand abhing, schien ein Hotel zu kennen, und er quetschte sich irgendwie auf den Sozius ,wo ja schon die Kackwurst drauf lag. Well, nach ziemlichen Hin- und Herrudern mit der Gummikuh sind wir dann im Hotel angekommen, Hotel Eunice oder so. Ziemlich nobler Laden (so sah er jedenfalls aus). Na ja, wollte noch was futtern und dann in die Heia. Morgen früh raus zum Konsulat, bloß nicht verpennen… Die „Servicekräfte“ im Hotel gingen mir dann aber sowas auf den Keks. Es hat eine Ewigkeit gedauert, bis ich was zu futtern bekam. Der Typ, der mich hergeführt hatte, lag mir ständig mit irgendeinem Scheiß in den Ohren. Es war offensichtlich, dass er hier irgendwie dazu gehörte. Ich hab aber kein Wort verstanden, was er wollte und mich auch nicht so richtig dafür interessiert. Wollte einfach nur meine Ruhe haben. Aber auch der Typ von der Security hatte ständig was zu erzählen, und auch der Kellner war nicht gerade wortkarg. Mann, Mann. Ab inne Butze. Sowohl Kellner (Rezeptionist?) als auch Security-Typ begleiten mich. In meiner Butze angekommen, muss ick erst mal bezahlen. Danke, sehr angenehm, können wir das nicht morgen früh machen? Nee, muss gleich sein. Toll! Mir fällt die Kinnlade runter, als ich die Preise erfahre. Für das Käsesandwich, 2 Soft Drinks und einen Teller Ekelsalat sind 17000 Franc fällig (knapp 15€). Das Zimmer kostet sage und schreibe 120 US Dollar. Boah, eh. Das ist mal ne Ansage! Ich zahle alles klaglos, hab ja sowieso keine Alternative. Und wenn ich eine hätte, ich bewege meinen Arsch heute nirgendwo mehr hin. Mir wird klar, dass ich schon eher die Luxusvariante des Afrika Overland Trips mache. Ich wäre auch einfach zu faul und bequem, mir jetzt irgendeine Location zum Bushcampen zu suchen und in das Zelt zu kriechen. Egal. Der Hammer ist aber, als nacheinander nochmal der Security-Typ und der Kellner an die Tür meiner Butze klopfen und fragen, ob ich ihnen nicht noch etwas Geld für sie persönlich geben könne, so als Trinkgeld. Ich kotze. Was für ein Rip-off in diesem Scheiß-Hotel. Ich bin doch keine Milchkuh. Aber das wissen sie leider nicht und gehen offenbar fest davon aus. Ich überlege, ob ich sie nicht fragen sollte, ob ich sonst noch irgendwas für sie tun kann. Mann, Mann, Mann. Was für eine Abzocke geht hier ab? Ich merke es, aber auch an Kleinigkeiten. Biete ich jemanden eine Kippe an, ist es keine Seltenheit, dass gleich mal zwei, drei, vier Kippen genommen werden. Sehr eigenartig. Am Montag habe ich im Laufe des Tages mein Handy an einer Telefonkartenbutze aufgeladen. Da laden noch zig andere Akkus rum, die aufgeladen wurden. Der Preis für 20 Minuten Aufladen: 1000 Franc. Boah!





Also ich mag die Leute hier, ehrlich. Ich fühle mich wohl und komme gut mit ihnen aus. Aber diese „Geldgeilheit“ geht mir mächtig auf den Sack. Okay, man kann natürlich ne Menge Argumente anführen, warum sie so denken/handeln müssen. Aber das ist in letzter Konsequenz Quatsch. Ich habe ärmere Gegenden gesehen, und die Leute dort waren definitiv anders drauf, was Baksheesh angeht.

Na egal. In meiner 120 Dollar-Butze konnte ich die Klimaanlage nachts nicht laufen lassen, weil ich dazu den Strom hätte anschalten müssen, was wiederum ein ohrenbetäubendes Geräusch produziert hätte… Okay, dann eben nicht. Nen Stalker habe ich mittlerweile übrigens auch. Das ist mit Sicherheit immer noch der Typ, der mir vor zwei Wochen in Matadi die Telefonkarte organisiert hatte. Ich bekomme so ca. zwei bis drei Anrufe, meistens abends. Gehe aber nie ran. Idiot. Vielleicht sollte ich nochmal die Urschrei-Taktik anwenden: klingeln lassen, nach einer Weile ran gehen und einen undeutlichen (aber lauten!) Urschrei los lassen. Das wirkt manchmal Wunder und bewahrt einen vor lästigen Anrufen…

Am nächsten Morgen gab’s dann – sehr zu meiner Überraschung – Frühstück inklusive und meinen katastrophalen  Eindruck vom Vorabend konnte ich ein bisschen revidieren. Die meisten der (wie immer zahlreichen) Angestellten waren ganz nett und witzig. Aber 120 Dollar – da gibt’s kein Zweifel – ist mindestens dreimal zu teuer. Aber so viele Hotels scheint’s hier nicht zu geben, und man hält eben die Hand auf, wo es nur geht…

Okay, aber heute stand das Angolanische Konsulat auf dem Programm. Ich habe bestimmt zehnmal nach dem Weg gefragt, und irgendwie immer unterschiedliche Antworten erhalten. Offenbar wollten mich einige Leute zum Grenzposten zwischen DRC und Cabinda schicken, andere zum Grenzposten DRC/Angola (Soyo). Mich hat das fast wahnsinnig gemacht, zumal jeder Meter hier in den Sanddünen in der Stadt mit der GS eine Qual ist. Irgendwie habe ich es dennoch geschafft, halbwegs direkt zu diesem beschissenen Konsulat zu kommen. Total abgelegen in irgendeiner Seitenstraße. Meine Fresse. Well, Aufregung pur. Ich geh rein, quatsche kurz mit der Security. Sie meinen, ein Typ komme gleich. Doch dieser Typ, der da kam, war offensichtlich auch ‚nur‘ ein Security-Freak. Ich erkläre ihm lang und breit, was ich hier vor habe. Er zuckt mit den Schultern. El Cheffe ist nicht da, der ist unterwegs, und man wisse nicht so genau, wann er wieder kommt. Es sieht also schlecht aus.


Boom-Bang. Das sitzt. Nach dem Tag gestern mit der langen Fahrt, lasse ich mich natürlich nicht so leicht abschütteln und ich gehe mit dem Typen alle Möglichkeiten durch. Es gibt offenbar definitiv keine andere Person, die in Abwesenheit des Konsuls Visa ausstellen kann. Der Tag der Rückkehr des Konsuls ist unklar. Könnte morgen sein, oder übermorgen oder sonst wann. Neben Kinshasa, Matadi und eben hier in Muanda gäbe es auch keine anderen Möglichkeiten, ein Visum für Angola zu bekommen. Ich verabrede mit dem Typen von der Security, dass er den Konsul, der ‚in politischer Mission‘ (wahrscheinlich vögelt er an einem Stand seine Sekretärin) in Cabinda unterwegs ist, anruft und fragt, wann er gedenkt, wieder zurück zu kommen. Unverständlicherweise ist es nicht möglich, ihn gleich anzurufen, sondern erst am Abend… Well, sicher, natürlich, verstehe ich absolut. Okay, wir verabreden außerdem, dass ich um 1530Uhr zum Konsulat zurück komme, und dann in Erfahrung bringe, was der werte Herr Konsul zum Besten gegeben hat.

Junge, Junge. Angola ist echt ein Klasse-Land. Hat immer ein weiteres Ass im Ärmel. Ich bin eine Weile niedergeschlagen, aber dann fange ich mich wieder, und es geht weiter. Falls der Konsul hinreichend lange Zeit weg ist, fahre ich eben wieder zurück nach Kinshasa und probiere es dort weiter an der Botschaft. Ich könnte heute noch zurück bis Boma kommen; das sollte ich sogar im Hellen schaffen. Morgen fahre ich dann die Strecke Boma-Kinshasa, und am Mittwoch gehe ich wieder zur Botschaft. Ich hab schon in der Mission Bescheid gegeben und gefragt, ob jemand für mich zur Botschaft gehen könnte und Bescheid gibt, dass mein Visumsantrag weiterhin aufrecht erhalten werden soll…

Well, ich bin ja mal gespannt, ich geh gleich los zum Konsulat und dann erfahre ich, was Sache ist.

Um mir die Zeit zu vertreiben, bin ich ein bissel mit dem Mopped rumgefahren in und um Muanda. Dabei bin ich auch an das Ufer des Congo gekommen, etwas südlich von Muanda. Da gibt’s ein paar Fischerdörfer, sehr idyllisch. Und schließlich den Grenzübergang. Ich habe mal ausgecheckt, wie ich rüber kommen könnte, falls ich denn das Visum bekomme und mich dazu entschließe, nicht wieder nach Matadi oder Songololo zurück zu fahren. Well, wenig überraschend, wird auch bei der Bootsüberfahrt über den Congo ordentlich abgezockt. 300 US Dollar beträgt die „Gebühr“ für mich und mein Mopped. Die Begründung für diesen Rip-off ist auch witzig: es ist ja ein teures Motorrad und da gäbe es gewisse Risiken. Als ob diese Freizeit-Fährleute mir irgendetwas erstatten würden, wenn bei der Überfahrt etwas mit dem Mopped passiert. Mann, Mann, Mann. Natürlich haben sie ein Monopol und den längeren Hebel in der Hand. Aber ich kann ja auch genauso gut wieder zurück nach Matadi und dort über die Grenze. Ist aber ein ziemlicher Umweg. Well, Spaß macht diese Geschäftsmentalität hier auf jeden Fall nicht.




So, jetzt muss ich aber los zum Konsulat. Ich weiß schon nicht mehr, was ich hoffen soll. Ich lass es einfach auf mich zukommen. Schlimmer geht’s nimmer. Oder doch?

… to be continued…

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