Bueno, bevor ich mich dem historischen Sieg Deutschlands über unseren Erzrivalen zuwende, erst mal ein kurzes Update bzgl. des Status Quo.
Ich war gerade in der Botschaft und hab mal wieder meinen Pass abgegeben. Diese an Komplexität durchaus nicht zu unterschätzende Transaktion konnte ich in rekordverdächtigen 60 Minuten abwickeln. Krass, nä? Mit der Entscheidung, die ich getroffen habe, notfalls auch auf dem Landweg nach Lubumbashi zu fahren, fühle ich mich auch in der Botschaft etwas besser mittlerweile und ich kann besser damit leben, ohne Respekt behandelt zu werden. Denn jetzt bin ich auch nicht mehr zu 100% darauf angewiesen, in die andere Richtung nett bzw. respektvoll zu sein. Und siehe da, es scheint auch zu gehen. Ich warte jetzt nicht mehr Ewigkeiten am Schalter, bis sich einer dieser Volltrottel mal bequemt, den Schalter zu besetzen, sondern stürme gleich durch in's Hinterzimmer. Voila, geht doch. Außerdem warte ich nicht mehr im Wartezimmer, sondern - wenn überhaupt - dann auf der Treppe zum Konsulatsgebäude mit ner Kippe im Mundwinkel. Das scheint sie ziemlich zu stressen, und so wurde ich heute sogar erstmals in den 'richtigen' Warteraum des Konsulats gebeten mit Ledersesseln statt Klappstühlen. Hat zwar genauso viel bzw. wenig gebracht wie sonst immer, aber es fühlte sich besser und authentischer an, diesen Deppen nicht auch noch arschkriechend gegenüber treten zu müssen.
Na okay, ich soll um 1200Uhr nochmal zurück zur Botschaft. Und meine Erwartungen, dass es heute klappt mit dem Visum sind bei ca. 0,01 Prozent. Aber ich wollte es nochmal probieren. Und das mache ich.
In Muanda habe ich auch nochmal angerufen, um mit diesem verpeilten Francois zu reden. Ich glaub, er kifft schon am Morgen. Na ja, egal. Jedenfalls meint er, dass der Konsul wohl heute Abend wiederkehren würde. Ich frage ihn, ob er das tut, damit er pünktlich zu den Unabhängigkeitsfeiern wieder verschwinden kann aus seinem Office? Na ja, wurscht. Die Muanda-Option kann ich immer mehr vergessen, und ich bin auch nicht böse. Hätte sowieso keine große Lust, diese Scheiß-Strecke nochmal zu fahren.
Mit Hans habe ich versucht, Kontakt aufzunehmen. Leider vergeblich. Er und Simon hatten doch diesen Blog im Internet gefunden, auf dem zwei Biker berichtet hatten, wie sie 15 Tage auf der Lubumbashi-Kinshasa Strecke unterwegs waren. Hätte ich mir gerne mal angeschaut diesen Reisebericht, bevor ich mich selbst auf die Reise begebe. Muss ich wohl nochmal etwas intensiver recherchieren, gestern hatte ich nix gefunden.
So, die positiven News kommen von der Service Air. Ein Bruder aus der Mission, der Gott sei Dank sowohl Englisch als auch Französisch spricht, hat für mich den Anfruf gemacht. Ich habe jetzt die Adresse der Airline, und sie haben bestätigt, dass am Donnerstag im Flieger nach Lubumbashi noch Platz wäre. Kostenpunkt sind 2 Dollar pro Kilo. Also knapp 650 für meine Maschine, vorausgesetzt es gibt nicht noch irgendwelche Volumen-spezifischen Extras. Ist ganz witzig, wenn man bedenkt, dass die Kollegen Fährleute in Muanda für die Überfahrt über'n Kongo ca. 300 Dollar haben wollten... Es ist noch nicht ganz klar, ob ich dann am Donnerstag mit der gleichen Maschine mit kann. Aber das muss ich alles mal auschecken jetzt. Werde am Nachmittag der Airline einen Besuch abstatten und dann hoffentlich Nägel mit Köpfchen machen.
Also aktuell ist der Plan wie folgt: Wenn's heute wider Erwarten mit dem Visum klappt, fahre ich los nach Angola. Wenn's nicht klappt, organisiere ich den Flieger am Donnertag nach Lubumbashi. Wenn das auch nicht klappt, nehme ich die 'harte' Tour und fahre die Strecke nach Lubumbashi mit dem Bike.
Hab mir das mal gestern auf der Michelin-Karte angeschaut. Es ist ein hartes Brot. Es sind etwas mehr als 2300 Kilometer. Aber die Länge der Strecke ist nicht das Entscheidende. Ich gehe davon aus, dass ein Großteil der Strecke in etwa die Qualität der Strecke Dolisie-Brazzaville hat. Ein dunkles Kapitel, von dem ich eigentlich geglaubt hatte, es hinter mir gelassen zu haben. Das wird richtig heftig. Und ich schätze, dass ich ca. 7-10 Tage unterwegs wäre. Und zwar mit Zähne zusammen beißen bis der Arzt kommt. Vielleicht gibt's auch gute Abschnitte unterwegs, aber der Großteil ist mit Sicherheit beschissen. Man muss sich das ungefähr so vorstellen: man fährt von Berlin nach Bulgarien an's Schwarze Meer, aber eben nicht auf ner Teerstraße, sondern auf Feld- und Wiesenwegen... Ein großes Vergnügen, mit Sicherheit.
Bevor ich aber los fahre, will ich noch mehr Infos über die Sicherheitslage einholen. Neben Bas-Kongo, wo ich mich aktuell befinde, komme ich durch drei weitere Kongolesische Provinzen auf dem Weg nach Lubumbashi: Bandundu, Kasai und Katanga. Letzere zwei sind traditionell Stress-Regionen, wobei es in letzter Zeit doch eher ruhig zu sein scheint. Der richtige Stress im Kongo in den letzten Jahren entstammt den sogenannten Kivus, Nord- und Süd-Kivu. Das sind die Provinzen an den Grenzen zu Ruanda und Burundi, wo die Tutsi/Hutu - Konflikte (neben vielen anderen Einflüssen) eine mörderische Spannung erzeugen. Na ja, da komme ich auf jeden Fall nicht lang. Aber auch Kasai und Katanga sind jetzt nicht gerade die absoluten Wohlfühloasen, soweit ich das sehe, und ich brauche noch mehr Infos, um wirklich zu entscheiden, ob ich das mache...
Derweil wird hier in Kinshasa die Stadt rausgeputzt. Am Mittwoch isses soweit mit der großen Unabhängigkeitsfeier. Wer weiß, was da überhaupt gefeiert werden soll. Wenn man sich die Geschichte des Kongos, gerade in den ersten Wochen und Monaten nach der Unabhängigkeit am 30. Juni 1960, anschaut, wird einem speiübel. Allein 1960 erlebte das Land eine Katastrophe nach der anderen: Abspaltung der Provinzen Süd-Kasai und Katanga vom Mutterland mit anschließendem Bürgerkrieg (in dem vier Parteien beteiligt waren: West-Kongo unter Mobutu, Ost-Kongo unter Lumumba-Sympathisanten, Südkasai und Katanga). "Pogrome"gegen die weiße Minderheit mit anschließendem Exodus. Praktische Lahmlegung der Kongolesichen Armee und Verwaltung infolge der sofortigen Flucht der bisherigen belgischen "Elite". Einmischung und Parteinahme der Supermächte Sowjetunion und USA aus dem kalten Krieg in die inneren Konflikte des Landes. Entmachtung und Ermordung des Hoffnungsträgers, Premierministers Lumumba. Massive Einmischung von westlichen (Belgien, Frankreich) und afrikanischen (Marokko, Angola) Staaten in die Konflikte, nicht zuletzt aufgrund des Fluchs des Kongolesischen Volkes: der unglaublichen Bodenschätze. Auf Kongolesischem Gebiet fanden ab 1960 die unterschiedlichsten Konflikte parallel statt. Und überall mischten auch noch kräftig ausländische Söldner mit. Die UN war bereits ab 1960 im Land, aber de facto ziemlich hilflos angesichts dieser komplexen Situation.
Na ja, die 50 Jahre seitdem waren auch nicht gerade ein Zuckerschlecken. Also ich hab da ein ziemlich flaues Gefühl im Magen, wenn ich die ganzen Fähnchen und Verzierungen am Boulevard sehe. Auf der anderen Seite wäre es sicherlich auch ein Erlebnis, die unvermeidliche Militär-Parade auf dem Boulevard zu sehen und diesen tollen Präsidenten, Joseph Kabila...
Vielleicht habe ich ja die Gelegenheit dazu, wenn ich am Donnerstag erst abreise - mit dem Flieger...
So, jetzt nochmal ein paar Worte zu unserer Nationalmannschaft: Sensationell, historisch, ergreifend. Ich bin wirklich stolz auf die Leistung. Hat mich zwar wieder ganz schön mitgenommen, vor allem nach dem 2:0 ging nicht mehr viel und bis in die Schlußphase habe ich immer damit gerechnet, dass die Engländer wieder zurück kommen werden. Ich habe die Glückwünsche der anderen Leute hier in der Mission dankend entgegen genommen. Vor allem weil ich auch tatsächlich das Gefühl hatte, etwas geleistet zu haben. Dieses Mitfiebern und Mitzittern zehrt echt an der Substanz, und ich musste gestern nach dem Spiel erstmal in meine Butze, Licht aus, in's Bett und durchatmen. Aber es war schon geil. Ausgerechnet wieder Klose und Poldi, die die beiden Tore zum 2:0 machen. Die geprügelten Hunde der vergangenen Saison. Wenn es nach Fußballdeutschland gegangen wäre, würden wir wahrscheinlich mit Kuranyi und Gomez/Kießling auflaufen. Und dann, gute Nacht bitte schön. Arninho Friedrich wieder mit einer absolut soliden Leistung. Eine Konstanz auf hohem Niveau, die ich ihm in dieser Art echt nicht zugetraut hätte. Aber als Innenverteidiger ist er einfach mal ne starke Nummer. Kein Vergleich zu seinen Wackeleien auf der rechten Seite. Die restliche Defensive war nicht soo prickelnd, aber es hat (mal wieder) ausgereicht. Ob's gegen die Gauchos wieder reicht, wer weiß. Na ja, Özil erwischt wieder einen guten Tag und es flutscht einfach. Spielerisch sind wir den Engländern überlegen. Die Spielweise unseres Teams ist erfrischenderweise ziemlich undeutsch UND trotzdem erfolgreich. Na ja, und dann kleines dickes Müllerchen. Es ist einfach ne Wucht und geil anzusehen, wie sich dieser Junge innerhalb eines Jahres bei den Bayern durchsetzt, in der Champions League trifft und jetzt darum mitkämpft, die Torjägerkanone bei der WM zu erobern. Wahnsinn. Das sind die Geschichten, die nur der Fußball schreibt.
Die mangelnde Erfahrung, das größte Manko der jungen deutschen Nationalmannschaft, hat man im England-Spiel nicht wirklich wahrgenommen. Ich fand's sogar extrem ausgebufft, wie sie nach dem 3:1 und 4:1 den Ball gehalten und so die Engländer in den Wahnsinn getrieben haben. Vor allem das 4:1 war einfach ein total 'abgewichstes' Tor. Brilliant und - coooool!
Ob das Team jetzt einer der Top-Favoriten ist? Wohl oder übel. Aber für mich wär's auf jeden Fall eine Sensation, wenn sie in's Finale kämen. Das Potential haben sie, sicher. Aber jetzt noch Argentinien rauskicken und danach den potentiellen Halbfinalgegner? Junge, Junge. Ich krieg Gänsehaut, wenn ich dran denke. Lasst uns ma hoffen...
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