Okay, Montag ist Schontag – so isses normalerweise . Aber nicht heute. Meine Hände schmerzen immer noch wie Sau, ich bin janz schön erschöpft – körperlich und psychisch. Das Mopped sieht nicht nur aus wie Sau, sondern hat gestern bei dem Ausflug in den Kongolesischen Sand auch etwas abbekommen. Und es sind noch knapp 350 Kilometer (davon 280 Dirt Road) bis Brazzaville. Puh.
Und, last but not least, ich weiß noch immer nicht so recht, wie ich mich bezüglich der weiteren Route entscheiden soll. Entweder nach Pointe-Noire oder nach Brazzaville? Ich will eher die zweite Variante fahren, habe aber ein mulmiges Gefühl. Ich frage die Leute hier im Hotel. Der Besitzer ist offenbar ein Franzose, und er meint, dass die Strecke aktuell okay und sicher wäre. Er ist sie selbst erst vor zwei Wochen gefahren. Hmm, ich bekomme noch ähnliche Infos von anderen Leuten, aber trotzdem, irgendwas schmeckt mir nicht. Mit Mick und Koen stehe ich inzwischen auch im Kontakt, aber die Infos helfen mir auch nicht so richtig weiter.
Mit Nina habe ich auch telefoniert. Sie hat mal ein bisschen in den Blogs anderer Leute gestöbert, und sie meint, dass die Straßen, die da jetzt kommen werden, das Übelste vom Übelsten sein sollen.
Was für herrliche Aussichten! Über die Straßen mache ich mir – jetzt noch – weniger Gedanken. Ich habe in erster Linie wegen der unklaren Sicherheitslage auf dem Weg nach Brazza (wo ich auch durch die offenbar umkämpfte Pool-Region komme) Bauchschmerzen.
Scheiß drauf! Ich entscheide mich, die Route nach Brazza zu nehmen. Oh Mann, was werde ich froh sein, wenn ich erst mal in Brazza angekommen bin!
Los geht’s, schon nach ein paar Kilometern wird mir klar, wie recht Nina hatte. Die Straßen sind tatsächlich – zum Kotzen! Meine Fresse, du. Was ist das hier für ein Acker? Dass die Straßen gestern nicht so besonders waren, konnte ich irgendwie nachvollziehen bzw. hatte ich schon erwartet. Die Straßen waren auch auf der Michelin-Karte als „na ja“ kategorisiert. Aber heute hier? Das war doch schließlich die „Route Nationale 1“, DIE Hauptstraße des Landes, die die beiden größten Städte, Pointe-Noire im Westen und Brazzaville im Osten, miteinander verbindet. Das kann doch hier nicht wirklich ernst gemeint sein, oder?
Meiner Meinung nach sollte diese Straße maximal für Trecker und Panzer freigegeben werden. Ich mache mir während der heutigen Fahrt unzählige Male fassungslos darüber Gedanken, wie es dazu kommen kann, dass eine Straße so einen beschissenen Zustand hat. Wahnsinn. Es macht keinen Spaß und ist einfach nur anstrengend! Jeder Kilometer ist eine Herausforderung und tut weh. Aber ich komme trotzdem einigermaßen voran. Nina hatte mir berichtet, dass die Leute, deren Blog sie gelesen hatte, insgesamt drei Tage von Dolisie nach Brazza brauchten. Allerdings war das auch in der Regenzeit.
Ich komme über Loudima und N’kayi am frühen Nachmittag in Madingou an und habe die ersten 110 Kilometer geschafft. Hardcore, die Strecke. Ich hatte die Zähne zusammen gebissen und diese Etappe ohne Pause hingelegt. Sicher vier, fünf Stunden am Stück auf dem Bike. Diese Fahrt hier ist in erster Linie eine Willenssache. Und da ist es mit den Pausen immer so eine Sache. Klar, muss man sie machen, aber wenn ich zu viele Pausen mache, komme ich aus dem Rhythmus und werde träge. Mein ursprünglicher Plan war es, die 350 Kilometer bis Brazza heute abzureißen. So ganz aufgegeben habe ich den Plan noch nicht, rechne aber schon damit, dass ich es heute wohl nur bis Mindoulli (140 Kilometer vor Brazza) schaffen werde, wenn’s ganz gut läuft auch bis Kinkala. Das ist der Ort, an dem die Teerstraße beginnt. Ca. 75 Kilometer vor Brazza.
Okay, in Madingou peppe ich mich ein bisschen auf. Fix und fertig. Die übliche Menschenmenge quittiere ich nur mit einem Nicken. Kein Bock und keine Energie, mich mit den Leuten auseinander zu setzen. Währenddessen stehe ich die ganze Zeit in Kontakt mit Nina und halte sie auf dem laufenden. Auch mit den Südafrikanern und Mick bin ich fleißig am smsen.
Nach Madingou habe ich sogar für einige Kilometer Teer und schicke für jeden absolvierten Kilometer auf diesem seligen Untergrund ein Dankesgebet gen Himmel. Aber nach maximal 10-15 Kilometern bin ich wieder zurück auf der üblen Dirt Road.
Obwohl ich das ungute Gefühl in der Magengegend nicht los werde, gibt es sicherheitstechnisch überhaupt keine Aufregung. Ich sehe auf der ganzen Strecke heute lediglich einen einzigen Polizei-Checkpoint, was sehr wenig ist. Die Leute hier sind allesamt freundlich und cool. Waffen sehe ich keine. Und auch meine Fragen bzgl. der Sicherheit auf der weiteren Strecke werden alle beruhigend beantwortet. Hmm, habe ich mir doch zu viele Gedanken gemacht? Well, mein Fokus liegt mittlerweile in erster Linie auf der beschissenen Straße. Vielleicht würde ich es gar nicht mal bemerken, wenn sich die Rebellen und Regierungstruppen am Straßenrand ne Schlacht liefern würden. Zu sehr muss ich mich darauf konzentrieren, mit dem Bike nicht in einem der Krater auf der Straße zu landen.
Als ich gerade in Loutété angekommen bin, einem kleinen Städtchen, vielleicht 40 Kilometer hinter Maidingou, stoppt mich ein heftiger Regenguss. Ich habe richtig Glück, dass ich mich in diesem Ort aufhalte, als der Regen losbricht. So kann ich mich zu einigen Einheimischen unter ein Vordach retten und abwarten. An’s Weiterfahren ist heute nicht mehr zu denken.
Meine Güte, was geht ab? Ich dachte, hier – südlich vom Äquator – ist Schluss mit Regen! Aber nix da. Es regnet, und regnet und regnet. Lang anhaltend und intensiv. Erst im Dunkeln werde ich mich wieder hervorwagen aus meinem Verschlag. Bis dahin döse ich vor mich hin und ziehe mir das Treiben der Einheimischen rein. Junge, Junge, da sind heute aber einige Liter runter gekommen. Meine Reise war erst mal beendet, und ich müsste mir in Loutété eine Unterkunft suchen.
Die Locals sind super nett und hilfsbereit. Glücklicherweise gibt es unweit von meiner Position gleich ein „Hotel“. Allerdings gestaltet sich die (vielleicht 1000 Meter weite) Fahrt dahin zu einer Riesenherausforderung. Die Einheimischen diskutieren noch miteinander, welche „Route“ ich zum Hotel nehmen solle. Es liegt ein bisschen abseits der Hauptstraße. Nach ein paar Metern merke ich, warum die Routenwahl so bedeutend ist. Mitten auf der Hauptstraße hatte sich inzwischen in einem der Riesenschlaglöcher ein See gebildet, durch den ich zwingend durch musste. Keine Ahnung, wie tief der jetzt war. Scheiße, Scheiße. In Gedanken sah ich mich schon mit der Maschine quer in dieser Riesenpfütze liegen. Das käme bestimmt nicht gut…
Well, langsam, peu à peu, bewege ich mich durch den See. Die Maschine versinkt ordentlich, bringt mich aber zuverlässig durch. Brav! Ich benutze die Beine zum Abstützen und merke wie das Wasser in meine Stiefel zieht. Nerven bewahren, Alder. Immer schön ruhig!
Das „Hotel“ entpuppt sich als ziemliche Katastrophe. Eine richtige Ekel-Butze, und ich bin der einzige Gast. Der Typ, der mich empfängt, ist sowas von eine Schlaftablette. Nachdem ich meine nassen Klamotten ausgezogen und in’s Zimmer gebracht hatte, frage ich ihn, ob ich was zu futtern bekommen könnte. Er hat nix da, und geht in die Stadt zum einkaufen. Well, da gab’s wohl ein Missverständnis. Ich hätte gern ein Omelette mit Brot gehabt. Er bringt ne Fischbüchse und zwei Baguettes. Na ja, passt schon. Ich nehme die Baguettes und frage, ob ich noch etwas Butter bekommen könnte. Aber Fehlanzeige. Ich überzeuge mich selbst. In der „Küche“ des „Hotels“ gibt es nichts! Es herrscht gähnende, absolute Leere!
Na schön, dann also Baguette mit Salz. Ist ja auch eine leckere Mahlzeit. Die Schnarchnase von Hotelier sitzt die ganze Zeit am Nachbartisch, beobachtet mich beim Essen und tut sonst – NICHTS. Mann, das ist schon manchmal schwer zu ertragen diese Apathie, Lethargie, was weiß ich. Ich frage mich, woher diese Antriebslosigkeit kommt. Er könnte sich doch inzwischen wunderbar die Zeit vertreiben mit tausend Sachen. Zum Beispiel seine Küche ein bissel aufpeppen oder sonst was. Stattdessen sitzt er mit einem gequält gelangweilten Gesicht neben mir und geht mir irgendwie auf die Palme.
Ich verziehe mich recht schnell in meine Ekelbutze. Ich passe mich dem Niveau an, asche unter’s Bett und entmoddere meine Stiefel in der „Badewanne“. Well, so eine „Badewanne“ hat man noch nicht gesehen, sollte man in Deutschland mal als Feature bei OBI anbieten. Die gingen sicher weg wie warme Semmeln.
Um abzuschalten, ziehe ich mir noch einen Film rein. Wenn nichts passiert, sollte ich es morgen locker bis Brazza schaffen. Allerdings macht mir der viele Regen von heute einige Sorgen. Ich hoffe, dass die Sonne scheint morgen und die Nässe schnell verdunstet. Sonst habe ich ein Problem…
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