Nach drei Nächten im Eclipse Hotel hatte ich nicht nur mein DRC-Visum in der Tasche, sondern mich auch wieder einigermaßen erholt von den Strapazen der vorherigen Woche. Am Freitag konnte es dann also losgehen, rüber nach Kinshasa und vielleicht auch gleich bis rüber nach Angola. Meinen Infos zufolge sollte die Straße von Kinshasa (knapp 300-350 Kilometer) in sehr gutem Zustand sein, also mal sehen, wie ich durch komme.
Kin und Brazza sind ja mal die am dichtesten zusammen liegende Hauptstädte der Welt, toll ne? Ist praktisch genauso wie Mainz bei Wiesbaden, nur eben in Afrika, ne?
Die Fahrt mit der Fähre über den Congo River war auf jeden Fall ein Erlebnis. Ich hatte damit gerechnet, dass die Fähre um 0900Uhr morgens ablegt, und wollte deshalb zeitig genug, so um 0730Uhr, da sein. Das habe ich natürlich nicht geschafft in meinem Tran, aber es war auch nicht weiter schlimm, weil die Fähre sowieso erst nach zehn ablegen sollte. Die „Prozesse“ auf der Brazza-Seite der Fähre waren extrem – na ja, wie soll ich sagen – eigenartig. Ich hatte von Anfang an einen „Fixer“ bei der Seite, der mich durch den Prozess begleitet hat. Diverse Tickets mussten besorgt, Polizei/Immigration sowie Douane durchlaufen und diverse Sonder- und Spezialpapiere organisiert werden. Keine Ahnung, was das alles sollte und ob ich nicht vielleicht doch allein besser dran gewesen wäre. Ich war auf jeden Fall bis um Zehn gut beschäftigt und habe ordentlich Kohle investiert für diese nette Bootsfahrt. Ich schätze, es waren am Ende zwischen 50-80 Euro, die es mich gekostet hat.
Aber ich war auf dem Boot, was alles andere als einfach war. Meine Maschine musste von vier Leuten drauf gehievt werden, was meine Pumpe ganz schön auf Hochtouren brachte. Aber es war alles glatt gegangen und ich saß neben meiner Maschine auf einem der riesigen weißen Säcke, in denen T-Shirts und weiß der Geier was für Artikel hin und her transportiert werden zwischen Brazza und Kin. Ich war ein bisschen enttäuscht, so wenige „Rollstuhlfahrer“ zu sehen. Ich hatte von ihnen schon lange vorher gehört und wusste, dass sie eine zentrale Rolle beim Handel zwischen Brazza und Kin spielen. Sie können mit den Fähren kostenlos oder zumindest zu reduzierten Preisen hin und her fahren und bekleiden deshalb die Funktion von fahrenden Händlern. Ihre „Rollstühle“ sind teilweise derart krass umgestaltet, dass sie damit ohne fremde Hilfe nicht mehr fahren können. Dafür passt eine tonnenschwere Ladung rauf…
Na ja, waren heute nicht so viele drauf, aber auch so wurde es nicht langweilig. Es gab hin und wieder mal ein bisschen Ärger auf dem Boot, kleine Streitereien, aber die Sicherheitskräfte mit ihren Routen und Stöcken waren dann gleich vor Ort und haben mit ihren finsteren Mienen ziemlich angsteinflößend gewirkt. Ich habe mir den MP3 Player aufgesetzt, die ganze Show reingezogen, aber versucht, nicht aufzufallen (ha ha ha) bzw. mich so gut es geht im Hintergrund zu halten.
Bueno, auf der Kin-Seite ist dann fast eine Panik ausgebrochen. Alle wollten die ersten sein, die an’s Ufer gehen. Hatte ein bisschen Angst wegen meinem Mopped, aber im Gegensatz zur Brazza-Seite konnte ich diesmal selbst runter fahren vom Boot, allerdings über einen ziemlich breiten Spalt. Na ja, hat alles funktioniert. Nach ein paar Metern hat mir gleich mal ein DRC-Bullizist meinen Pass abgenommen, und ich musste den Typen erst mal eine ganze Weile suchen, nachdem ich das Mopped geparkt hat und die Immigration in Angriff nehmen wollte.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich Immigration und Douane auf DRC-Seite geschafft hatte, aber es war auch nicht schlimmer als in irgendeinem anderen Land. Also einfacher als gedacht, die Geschichte. Meine Brazza-Kohle habe ich gleich mal umgetauscht in Kongolesische Franc. Es waren umgerechnet vielleicht 50 Euro, aber als ich den Riesenstapel Kongolesische Franc in den Händen hielt, war ich doch einigermaßen erstaunt. Es war praktisch unmöglich, das Geld zu zählen. Das hätte vielleicht eine halbe Stunde gedauert. Stattdessen waren die (500 Franc) Scheine in 15er Stapel sortiert, die wiederum mit einem Schein umwickelt waren. Sehr interessante Methode hier… In’s Portemonnaie passt so ein Haufen Papier natürlich auch nicht, also habe ich die Kohle fortan in irgendeiner Seitentasche meiner Motorradjacke aufbewahrt.
Wenig später erfahre ich dann, wie es hier wirklich läuft mit dem Geld. Mit dieser Währung gestaltet sich das praktische Leben ja wohl ein bisschen schwierig. Ich meine, ein Auto oder so cash zu bezahlen ist ja einfach mal unmöglich – wenn man nicht gerade einen LKW mietet, und auf dessen Ladefläche die Scheine stapelt. Well, der US Dollar ist die de facto Währung hier unten. Selbst an allen Bankautomaten, an denen ich war, bekomme ich US Dollar, und keine Kongolesischen Franc. Die Dollar werden praktisch auch in allen Geschäften und von Jedermann akzeptiert. Das Wechselgeld gibt es dann sowohl in US Dollar (große Scheine) als auch in Franc (entsprechen in etwa unseren Münzen). Da muss man sich erst mal dran gewöhnen…
Mein erster Eindruck von Kinshasa war recht positiv. Weiß auch nicht, was ich erwartet hatte, aber ich kam mir vor wie in einer ausnahmsweise mal aufgeräumten Großstadt Afrikas. Kennzeichnend im Zentrum ist der große und extrem breite Boulevard (30 Julie), der durch den Stadtteil Gombe (das Zentrum) führt. Auf dem Weg nach Matadi halte ich erst mal an einem Supermarkt und bin erstaunt, was es hier so alles gibt. Kein erkennbarer Unterschied zu einem Supermarkt in Europa. Hier gibt es Cola Light, Snickers – also alles, was das Herz begehrt. Es hängen hier auch eine Menge Weiße rum. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass ich gerade unmittelbar in dem Botschaftsviertel war. In anderen Stadtteilen sieht’s schon noch mal etwas anders aus als in dieser grünen und gepflegten Oase…
Am frühen Nachmittag bin ich dann von Kinshasa aufgebrochen Richtung Matadi. Ca. 350 Kilometer waren eine Ansage für den Tag und ich war mal wieder etwas unter Zeitdruck. Über Kasangulu, Madimba und Kintanu hatte ich nach vielleicht 150 Kilometern Mbanza Ngungu erreicht, eine kleine Pause gemacht und bin dann die restlichen 200 Kilometer durchgegurkt. Ab ca. Songololo hat es angefangen zu dämmern, und ich bin dann gegen halb Acht in Matadi angekommen. Puh. Matadi war größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber auch sehr interessant. Direkt am Ufer des Congo gelegen, ist es die einzige Hafenstadt der DRC. Die Stadt ist auf mehrere Hügel verteilt und wirkt sehr angenehm. Well, ich hatte ein bisschen Schwierigkeiten, ein Hotel zu finden, und ich bin dann letzten Endes in einer ziemlichen Absteige gelandet. Aber okay. Für eine Nacht sollte es gehen. Am Samstag wollte ich zum Konsulat und checken, wie es mit einer Verlängerung des Visums ausschaut. Ich hatte schon damit gerechnet, dass es wahrscheinlich geschlossen sein würde – und für den Fall beschlossen, den Grenzübertritt trotzdem zu versuchen.
Well, den Samstag verbrachte ich dann mit dem vergeblichen Versuch, bei Noqui, ca. 15 Kilometer hinter Matadi, die Grenze zu Angola zu überqueren. Eine schöne Scheiße war das. Auf Kongolesischer Seite lief alles glatt und ich bekam meinen Exit-Stempel in den Pass. Die Kollegen von der Angolanischen Seite waren zwar ganz cool, aber nicht cool genug, um mich (trotz Bestechungsversuchen) durchzulassen. Sie meinten , ich müsse mir in Matadi ein neues Visum besorgen. Damn. Ich hatte sicher drei-vier Stunden bei der Immigration zugebracht, und mir schon erhofft, dass es noch klappen würde mit einer Extra-Regel oder so…
Also zurück und dann ging der Stress mit den Kongolesen los. Mein Visum hier war inzwischen nicht mehr gültig (Single Entry) und ich habe einen wunderschönen Nachmittag im Polizeibüro von Matadi verbracht. Sehr inspirierend. Nach drei Stunden warten hatte ich endlich mein neues Kongo-Visum und konnte raus aus dieser Butze. Was für ein ätzender Tag! 100 Euro hat’s gekostet, okay. Aber ich habe es wenigstens versucht. Jetzt muss ich am Montag zum Konsulat und dort das Visum neu beantragen. Der Typ vom Polizeibüro in Matadi macht mir ein bisschen Angst, als er meint, dass das Konsulat im Moment mit Sicherheit keine Angolanischen Visa ausstellt und ich dafür nach Kinshasa fahren müsste.
Au Mann, ich hoffe, dass er spinnt und nicht Recht behält. Ich stehe vor der Wahl, gleich nach Kinshasa zurück zu fahren, um am Montag meinen Visumsantrag direkt dort in der Botschaft abzugeben oder in Matadi bis Montag zu warten und es noch mal im Konsulat zu versuchen. Ich entscheide mich dafür, letzteres zu tun.
Ich suche mir in Matadi ein vernünftiges Hotel – unweit der Polizeistation – und richte mich hier für’s Wochenende ein. Das Hotel kostet saftige 80 US Dollar pro Nacht, ist ein ziemlich nobler Laden (für die Verhältnisse hier), aber genau das richtige nach der Horrorabsteige letzte Nacht... Es lässt sich aushalten und ich verbringe hier zwei Nächte.
Ähnlich wie in Brazzaville komme ich aber auch nicht so richtig zur Ruhe. Zu groß ist die Anspannung bzw. die Unsicherheit, wie es weiter geht und ob alles glatt geht auf den „letzten“ Kilometern. Wenn ich an Angola denke, dreht sich bei mir mittlerweile der Magen um. Dieses Land ist echt DER Prüfstein für mich auf dieser Reise.
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