Sonntag, 13. Juni 2010

Tag 62 - On the road again

Also, ich bin wieder allein. Okay. Nicht toll, aber was soll ich machen. Ich muss mich zusammen reißen und kann mich nicht hängen lassen. Jedenfalls nicht, wenn ich halbwegs pünktlich in Südafrika ankommen möchte. Ich werde in den nächsten Tagen einfach mal richtig Gas geben. Gemessen an dem 300 Kilometer-Schnitt, den ich mir als Ziel vorgegeben hatte, bin ich aktuell 1400 Kilometer „behind“. Nicht wenig, aber auch nicht unschaffbar.

Aber es gibt eine ganze Reihe von Hürden auf dem Weg, der vor mir liegt.  Zunächst mal die Visa-Situation. Mein erstes Sorgenkind, Kamerun, habe ich ja hinter mich gebracht. Es ist den Typen an der Grenze offenbar nicht einmal aufgefallen, dass mein Visum bereits ein paar Tage abgelaufen war. Also kein Problem. Schwieriger dürfte es schon mit dem Visum für die Republik Kongo werden. Das läuft morgen ab, und ich bin noch nicht mal im Land! Holy Shit. Meine Strategie ist es, entweder heute oder spätestens morgen früh beim Grenzübergang zu sein und zu versuchen, irgendwie reinzukommen. Wenn ich erst mal im Land bin, habe ich das erste Problem schon hinter mir, und rauskommen werde ich dann auch schon irgendwie. Notfalls muss ich ein bissel was an Strafe zahlen, aber okay. Sollte kein Weltuntergang sein. Für die DRC (Dem. Republic Congo) brauche ich in jedem Fall noch ein Visum. Mal sehen, wo ich mir das besorge. Hängt halt von der Route ab, die ich nehme (siehe unten). Und mein größtes Sorgenkind ist das Angolanische Visum. Ich habe es jetzt bewusst in Kauf genommen, dass dieses dämliche Teil, wofür ich mir in Berlin so den Arsch aufgerissen hatte, abgelaufen ist, nämlich genau heute. Mein Plan ist, an einer Angolanischen Botschaft (Brazzaville oder Pointe-Noire) das Visum verlängern zu lassen. Mir schwant schon, dass das problematisch werden könnte, aber immer eins nach dem anderen.

Zunächst mal habe ich Bauchschmerzen bzgl. der Route, die ich von Libreville in die Republik Kongo nehmen soll. Die meisten Traveller, das weiß ich, fahren die Ostroute über Franceville. Aber mir fällt beim besten Willen nicht mehr ein, warum sie das eigentlich tun. Das würde nämlich bedeuten, dass ich noch ein weiteres Mal die Strecke über Lopé fahren müsste. Und danach geht’s ja erst einmal richtig los, und ich glaube nicht, dass die Straßen bis Franceville (oder auch danach) besser werden, ganz abgesehen von denen im Kongo.

Damn, mir gefällt die Variante mit der südlichen Route einfach besser. Sie sieht auf der Karte jedenfalls besser/leichter aus. Mir wird bewusst, dass ich mich eher hätte mit der Routenwahl beschäftigen müssen. Ich versuche erst am Samstagmorgen, ein paar Leute (Koen, Mick) zu erreichen und sie über die Route zu befragen, bekomme aber nicht rechtzeitig eine Antwort.

Anyway, ich fahre jetzt die südliche Route. Zwar mit einem ziemlich mulmigen Gefühl im Magen und sehr angespannt. Aber well. Augen zu und durch. Mir ist klar, dass die nächste Etappe, also die zwischen Libreville in Gabun und Luanda in Angola die Härteste auf der ganzen Tour werden wird. Packen wir es an…
Ich muss noch ein paar Besorgungen in Libreville machen und Cash ziehen, was sich ganz schön hinzieht. Dabei verliere ich natürlich wertvolle Zeit, damn. Aber dann bin ich „on the road“ again. Die Strecke über Kano zurück nach Bifoun und dann Lambaréné kenne ich ja mittlerweile und komme gut durch. In Lambaréné fahre ich wieder an unserem Hotel, Les Sirens, vorbei und werde wehmütig. Aber auf geht’s, jetzt kommt Neuland, und ich bin gespannt.



Zunächst mal sieht es super aus. Nach Lambaréné beginnt eine niegelnagelneue Teerstraße. Ich bin begeistert, es fährt sich wie auf einer deutschen Autobahn. Perfekt! Für einen Moment gebe ich mich der Illusion hin, dass die fleißigen Chinesen vielleicht gerade in letzter Zeit diese Straße neu gebaut haben, und dass sie vielleicht sogar bis zur Kongolesischen Grenze geht.

Aber diese Illusion wird sogleich zerschlagen. Nach einem Polizei-Checkpoint, ca. 55 Kilometer hinter Lambaréné, ist die Straße zu Ende und es beginnt Dirt Road. Voila. Kurz vor dem Checkpoint hatte ich noch einen Vogel gekillt. Aber natürlich nicht absichtlich. Ich hab ihn nicht mal gesehen. Nur bemerkt. Es gab ein ziemlich dumpfes Geräusch, als „etwas“ gegen meinen Helm prallte. Als ich ihn mir anschaute, sah ich ein paar klitzekleine Federn wie von diesen Mini-Vögelchen, die so süß sind. Oh Menno, tut mir leid, kleiner Freund. Ick hoffe, er hat sich nicht mehr gequält…

In den nächsten zwei Tagen sollte ich noch zwei weitere Vögel auf die gleiche Art und Weise abmurksen. Irgendwie ist der Wurm drin. Kann aber nix dafür, oder? Den einen habe ich zufällig abends bei mir im Motorblock gefunden. War eine ziemliche Sauerei, die Überreste wieder rauszubekommen… Den anderen habe ich wieder nur bemerkt. Diesmal hatte ich ihn mit der Schulter mitgenommen…

Ist aber auch nicht ganz ungefährlich mit dem Federvieh. Ich war ja mittlerweile hauptsächlich mit offenen Visier. Wenn ein Vogel aufprallt, ist es vielleicht nicht ganz so schlimm wie bei Felipe Massas Unfall letztes Jahr in Ungarn, als ihn eine Metallfeder traf, aber angenehm isses auch nicht gerade. Und wenn ich mir überlege, so einen Kameraden durch das offene Visier in’s Gesicht zu bekommen. Hmm, nicht so toll…

Na egal. Die Dirt Road ist jedenfalls halbwegs okay, und ich komme ganz ordentlich voran, vielleicht ein hoher Dreissiger Schnitt oder so. Ich komme durch Fougamou und Yombi und quäle mich dann noch nach Mouila. Insgesamt 450 Kilometer, davon 130 Dirt Road, sind das Ergebnis. Es hat am Ende schon ganz schön gezehrt. Bis zur Kongolesischen Grenze zu kommen, war aussichtslos. Bis Ndende wären es nochmal 70 Kilometer Dirt Road und danach noch mal ein paar Kilometer bis zur Grenze. Ich muss heute Nacht in Mouila bleiben und mir hier was suchen zum Pennen.

Zum Glück gibt’s ein „Hotel“, das wunderbare Mbengui. Na ja, untere Mittelklasse würde ich mal beschönigend sagen. Aber der Laden ist nett, hat eine runter gekommene, aber irgendwie gemütliche Bar und das Personal ist gut drauf. Ich lerne noch vor dem Einchecken einen einheimischen Deutschlehrer kennen, der offensichtlich gebildet ist und ein sehr gutes Deutsch spricht. Wirkt ein bisschen komisch, hier in dieser abgelegenen Ecke Deutsch zu sprechen, aber wir unterhalten uns eine Weile. Er kennt sogar Berlin von einem Aufenthalt während eines Stipendiums. Coolio.



Als ich mit den Leuten vom Personal ein bisschen in’s Gespräch komme, stellt sich heraus, dass Mick und sein Kumpel in ebendiesen Hotel vor ein paar Wochen vorbei gekommen waren!!! Das ist schon eine ziemlich interessante Neuigkeit für mich, bestätigt sie doch, dass die Route erst mal nicht so absolut falsch ist. Meine letzte Info von Mick hatte ich Anfang Mai von seiner Freundin bekommen. Da war er gerade in Congo.

Well, ich fühlte mich einigermaßen beruhigt. Es gab noch was Anständiges zu futtern, und dann verzog ich mich auch schon in meine Koje. War ein anstrengender Tag, und morgen wird’s sicher auch nicht ganz ohne…

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