Donnerstag, 17. Juni 2010

Tag 75 - Die hohe Kunst des Wartens

Heute habe ich die dritte Nacht auf der Wiese vor der Mission verbracht. Grandios. Noch immer habe ich es nicht geschafft, ein Zimmer zu bekommen und darf mich stattdessen von den Mosquitos malträtieren lassen. Keine Ahnung, ich bin in so eine richtige Lethargie verfallen und regelrecht bockig. Ich habe kein Bock, mein Zelt nochmal aufzubauen oder dafür zu sorgen, dass ich darin pennen kann. Stattdessen verbringe ich die Nächte lieber unter freiem Himmel, sprühe mich mit literweise Mückenspray ein und werde dennoch zerhackt bis zum Gehtnichtmehr.


Na ja, ich frage mich, wie lange ich das hier noch aushalte. Wenn es heute nichts wird mit dem Visum, habe ich ein Problem. Dann kotze ich richtig. Mir sind noch zwei Alternativen eingefallen, falls es nicht klappt. Der amerikanische Buschpilot könnte uns ja nacheinander nach Lubumbashi fliegen. Er kann 400 Kilo pro Flug transportieren. Mit meiner Gummikuh wird’s da schon etwas eng, aber man kann ja mal beide Augen zusammen drücken, gel? Wenn alles den Bach runter geht und ich tatsächlich gar kein Visum bekommen sollte für Angola, fliege ich einfach runter nach Südafrika und guck mir die Spiele an. Dann lass ich mein Mopped hier stehen und hole es nach der WM wieder ab. Nachdem, was wir so gehört haben, ist es wahrscheinlich sogar relativ unproblematisch, in Südafrika oder Namibia ein Visum für Angola zu bekommen. Nur die Einreise von Norden her soll extrem kompliziert sein. Ist ja auch irgendwie verständlich, oder? Diese Massen an Motorradtouristen, die alle nach Angola rein wollen, sind ja auch eine unglaubliche Gefahr für das Land, und man muss da sehr restriktiv sein, sonst verfällt das Land schnell in Chaos und Anarchie…

Ich fahre heute erst mal am Vormittag allein in die Botschaft, bekomme aber schnell die gleiche Botschaft, wie Hans und Simon gestern: technische Probleme mit dem Netzwerk, es können gerade keine Visa ausgestellt werden. Simon und Hans haben aber am Nachmittag einen Termin, und ich kläre ab, dass ich dann mit den beiden nochmal zurück kehre und checke, ob sich die technischen Probleme bis dahin eventuell aufgelöst haben.

Um 1300Uhr fahren wir dann auch alle in die Botschaft, werden in’s Hinterzimmer beordert (ahoi!) und dann – well – dann bekommen Hans und Simon tatsächlich nach genau einer Woche Warten ohne Bestechung und ohne den Einsatz irgendwelcher „Beschleunigungsfaktoren“ einfach so ihre Visa ausgestellt. Als ob nix dabei wäre. Und zwar nicht nur ein 5-Tages-Transitvisum, was sie beantragt hatten, sondern ein 30-Tage-Touristenvisum, womit sie ohne irgendwelchen Stress in aller Ruhe durch Angola fahren können. Mein Visum ist jedoch noch nicht fertig, und ich soll am Montag wieder kommen.

Well, kann ich mich für die beiden freuen? Ich versuche es, und ich finde es ja auch cool, dass sie endlich diese Scheiß-Sorge los sind. Aber es gelingt mir nicht wirklich. Ehrlich gesagt kotze ich innerlich ab. Denn ab jetzt werde ich allein weiter warten müssen auf dieses gottverdammte Visum. Cool ist es zu sehen, dass es offenbar doch relativ unproblematisch funktioniert hier mit den Visa, und ich bin zuversichtlich, dass ich meines am Montag oder allerspätestens am Mittwoch (genau eine Woche nach meiner „Bewerbung“) bekommen werde. Aber ich muss jetzt noch das ‚ganze‘ Wochenende hier ausharren. Mann. Irgendwie mache ich mir gar nicht so viele Sorgen um das Visum, ich habe nur Angst, dass ich bei der ganzen Warterei zu schlecht drauf komme. Ich habe einfach eine Menge negativer Energien und empfinde die Zeit hier in Kinshasa als ziemliche Qual. Damn.

Hans und Simon sind natürlich erleichtert, fast schon euphorisch, was ich gut verstehen kann. Aber es ist schwer für mich, das auszuhalten, weil ich selbst genau die gegenteiligen Emotionen habe. Verflixte Scheiße.

Mich nervt heute absolut ALLES. Ich könnte in einer Tour kotzen und kann mich selbst kaum ertragen. Seit Sonntag (Matadi) habe ich mich nicht mehr richtig duschen können. Ich ekele mich vor mir selbst, alles klebt, alles stinkt. Es ist derbe. Die Nächte auf der Wiese sind auch nicht gerade eine Erholung. Ich schlafe schlecht, bin morgens zerknautscht und zickig. Das ganze hier ist eine echte Probe für mich. Ich kann nur abwarten, aber nicht wirklich etwas machen. Na ja, wenigstens meine Hände haben sich inzwischen ganz gut erholt. Sie tun nicht mehr weh, und ich brauche kein Voltaren mehr drauf zu schmieren.

Heute beginnt sie, die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, auf die ich mich so sehr gefreut habe. Aber meine schlechte Laune hält mich im Griff und lässt mich das Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko nur am Rande mitbekommen. Ich ärgere mich, dass ich hier in einer katholischen Mission abhängen muss, während in Südafrika die Hölle los ist und DAS Fest schlechthin gefeiert wird. Wir gucken das Spiel in der Bar (!) der Mission. Das ist ein kleiner Raum, in dem ein Fernseher steht. Ganz gemütlich eigentlich, nur gegen Abend wird dieses Domizil sehr gern von den kleinen Mistviechern von Mosquitos heimgesucht und ich kehre regelmäßig total zerhackt zurück aus der Bar. Pünktlich zum Anpfiff um 1500Uhr beginnen dann auch die total behämmerten Angestellten der Mission mit einer Großputzaktion in der Bar! Wie bekloppt muss man sein, das ausgerechnet jetzt zu tun? Eigenartig auch die Art und Weise, wie sie putzen. Zu dritt oder viert überschwemmen sie den Raum mit einem Wasserschlauch und spülen den Dreck dann praktisch in die Rinnsale am Rande des Raumes. Wasser scheint hier auf jeden Fall keine knappe Ressource zu sein. Egal, ich finde heute sowieso alles Scheiße. Die WM beginnt ohne mich. Ich will nicht in Kinshasa sein! Verdammt nochmal! Ich fühle mich wie ein kleines bockiges Kind, das unzufrieden ist und am liebsten die ganze Zeit rumheulen würde. Warum darf ich nicht losfahren, die anderen dürfen doch auch. Maup!




Well, Hans und Simon organisieren für heute Abend so eine Art Farewell-Dinner. Sie werden morgen früh abreisen. Isabel (deutsch-französische NGOlerin), Nadja (belgische Journalistin) und Augustine (Local) sind dabei. Ich kotze schon wieder, als ich bemerke, dass sich hier offenbar niemand so richtig für Fußball interessiert. In der Mission findet heute Abend so eine bescheuerte Konferenz statt, mit Powerpoint-Präsentation ausgerechnet in der Bar der Mission, wo ich mir das Spiel Frankreich-Uruguay angucken wollte. Jetzt weiß ich auch, warum es für mich bislang so schwierig war, ein Zimmer zu bekommen in der Mission. Extra zu Konferenz ist offenbar eine Gruppe von 15-20 Leuten angereist, die jetzt die Zimmer belegen und – verständlicherweise – Priorität genießen. Damn it, ich find’s trotzdem Scheiße und wünsche diese Truppe in die Wüste…


Die anderen zeigen keinerlei Initiative, in irgendeine Bar zu gehen, wo man Fußball zu gucken und wollen stattdessen beim Libanesen futtern gehen. Kotz, kotz, kotz. Ich selbst komme aus meiner Griesgram-Stimmung nicht raus und gehe auch nicht alleine los, eine Public Viewing Location zu suchen. Als das Spiel schon begonnen hatte, bietet mir Isabel endlich an, die Dusche in ihrem Zimmer benutzen zu dürfen, was ich natürlich unmöglich abschlagen kann. Als die zweite Halbzeit schon lief, ging ich mit den anderen los „in die Stadt“. Besser gesagt um den Block herum, weil wir da schon mittendrin sind. Dann der Flash. In einem Restaurant sehe ich einen Großbildschirm. Die anderen wollen lieber preisgünstig was futtern; ich beschließe, mich abzusondern und in das (offensichtlich teure) Restaurant mit der Live-Übertragung zu gehen.

Yes, endlich allein! Ich kann mir noch die letzten 20 Minuten des Spiels anschauen, bestelle mir eine 20 - Dollar – Pizza und fühle mich das erste Mal heute ein bisschen erleichtert. Klar, ich bin immer noch schlecht drauf. Aber ich bin froh, endlich mal ein bisschen Zeit für mich zu haben. Mir ging heute die Gesellschaft der Leute um mich herum dermaßen auf den Keks. Ich hatte es teilweise in der Bar der Mission nicht mehr ausgehalten; das ständige Bla Blubba Bla hat mich fast in den Wahnsinn getrieben. Ich bin total dünnhäutig und bei den kleinsten Sachen schon total genervt. So funktioniert das nicht, merke ich. Ich bin offenbar zu sehr Individualist und während dieser Zeit hier in Kinshasa kann ich das absolut nicht ausleben. Ich mache kaum etwas allein. Treffe keine Entscheidungen. Schwimme nur irgendwo mit. Das zieht mich runter, macht mich fertig. Dazu kommt, dass ich mir nicht in Ruhe meine Gedanken  machen kann. Ständig habe ich irgendwelche Gesprächsfetzen oder Meinungen oder sonstigen Blödsinn in den Ohren. Nimmst du wirklich deinen Rucksack mit? Der wird dir bestimmt geklaut! Du kannst doch keine Zigarette rauchen auf dem Foto! Solltest du wirklich bloggen? Es macht dich doch müde… Ich stelle fest, dass ich ein ganz schöner Freak bin und wahrscheinlich riesige Probleme hätte, in einer Gruppe zu reisen. Das wäre ne fette Herausforderung für mich. Aber anyway, ich bin froh, dass es nicht so ist, und dass ich allein unterwegs bin. Meine eigenen Entscheidungen treffen kann, keine Diskussionen führen muss und vor allem keine Kompromisse eingehen muss. Puh.

Ich bin einfach hochgradig genervt und, um es in den Worten von Jack Black in Tropic Thunder auszudrücken: Verdammt nochmal, ICH BRAUCHE MEHR PRIVATSPHÄRE!!!

Unleidig, genervt, pissig. Na ja, der Grund dafür liegt wohl auf der Hand. Simon und Hans „dürfen“ morgen wieder los on the road, während ich hier weiterhin zum Warten verdammt bin. Das fühlt sich einfach mal sehr uncool und unfrei an. Es ist ein passives Aushalten, nicht gerade das, was ich am liebsten mache. Aber cool bleiben, Alta! Es bringt nichts, sich diesen negativen Gedanken vollkommen hinzugeben. Schließlich habe ich selbst die Wahl, wie ich mit der Situation umgehe. Ich nehme mir vor, mich nicht hängen zu lassen. Ich werde mich so gut es geht beschäftigen. Das fällt mir ja normalerweise sowieso nicht schwer. Ich habe einen wahnsinnigen Rückstand, was die Bloggerei angeht und werde damit sicherlich einige Tage gut ausfüllen können. Wenngleich ich diese Bloggerei mittlerweile auch eher als „Job“ ansehe. Ich muss ganz schön meinen inneren Schweinehund überwinden, um den ganzen Kram, der sich da in den letzten Wochen angestaut hat, aufzuschreiben. Aber ich weiß, dass ich mich danach gut fühlen werde. Außerdem laufen ab jetzt ja drei Fußballspiele täglich. Das wird sicher auch für Ablenkung sorgen. Und, ich habe ca. 20 Gigabyte neuen Stuff an Filmen, Serien, Mucke etc. von Hans bekommen. Mann, es könnte schlimmer sein, oder?

Nach eine Weile kommen die anderen in das Restaurant, wo ich Fußball geguckt hatte. Zufällig lernen wir dort noch ein paar Leute vom Kinshasa Motorcycle Club kennen. Aha, interessant! Ich frage mich, warum es hier überhaupt Motorräder gibt. Wo fahren die denn überhaupt lang? Es gibt doch sowieso nur zwei bis geteerte drei Straßen im Land. Oder fahren die alle Motocross? Na ja, keine Ahnung, ist aber auf jeden Fall cool. Hans und Simon hatten ja auch schon in Yaoundé Leute vom dortigen Motorcycle Club kenen gelernt und insgesamt knapp vier Wochen dort verbracht. Auch Ausflüge mit gemacht und – nicht ganz unwichtig – lange gesuchte Ersatzteile bekommen!


Bueno, ich hoffe, dass ich morgen wieder ein bisschen besser drauf komme. Muss mich echt zusammen reissen und darf mich nicht so hängen lassen. Es liegt an mir, was ich aus dieser Zeit hier mache. Think positive, Alta!

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